75% der Berufe sind nicht systemrelevant, zeigt der Shutdown: Folgt eine Revolution der Denkungsart?

Der Shutdown zeigt, dass 75% der Beschäftigten und der Großteil der Bevölkerung nicht systemrelevant sind. Die Rückkehr zur Normalität ist keineswegs alternativlos.

Der fundamentalen Krise wurde jüngst nachgesagt, Wunderwerke vollbringen zu können. Sie soll nicht nur die gesellschaftlichen Strukturen dramatisch offenlegen, sondern auch ein klareres Licht auf die Zukunft werfen. Wegen des plötzlichen Schreckens kommt es zur intellektuellen Läuterung, zur Kehrtwende. Es ist nun Zeit, grundsätzlich darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Unbekannte Möglichkeiten werden offensichtlich. Der ideologische Schleier des Nichtwissenwollens und der stolz vor sich her getragenen Alternativlosigkeit wird freiwillig gelüftet. Was vorher keine Alternative war, ist plötzlich alternativlos. Auf die Kehrtwende folgt der Tabubruch. Zur intellektuellen Erleuchtung gesellt sich die moralische Aufklärung. Das über die Normalität hereingebrochene Schicksal zeigt, dass es jeden treffen kann und alle vor der unverschuldeten Krise gleich sind. Das seltsamerweise durch Distanzierung gewonnene Interdependenzbewusstsein stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Für ein paar Tage schien die Geschichte glaubhaft. Wie konnte man nur übersehen, dass der Großteil der systemrelevanten Berufstätigen unterdurchschnittlich bezahlt wird und unter unterirdischen Arbeitsbedingungen leidet, darunter 75% Frauen. Da wird selbst dem Wirtschaftsminister klar, dass da was gemacht werden muss. Die Marktgläubigen werden innerhalb von Tagen zu Kommandostrategen der Planwirtschaft, weil der Markt das Notwendige nicht bereitzustellen in der Lage ist. Donald Trump verdonnert Firmen zur Herstellung des Notwendigen und die Johnson-Regierung führt eine Art Kurzarbeitsgeld ein. Die New York Times vermerkt erstaunt die Pulverisierung der Schuldenbremse. Ist wirklich alles möglich, zumal Neues?

Wohl kaum. Es ist eher so, dass die Krise bekannte Denkmuster bestätigt. Diejenigen, die schon immer einen starken Staat forderten, jubeln insgeheim nun genauso wie jene, die vormals dem Sparzwang huldigten und glauben, dessen Früchte jetzt zu ernten. Das durch Interdependenzbewusstsein erlangte Zusammengehörigkeitsgefühl beschränkt sich dann auch weiterhin auf die nationale Gemeinschaft. Als eine der ersten Krisenmaßnahmen setzte Deutschland die humanitäre Flüchtlingshilfe aus und stoppte das Ansinnen, deutsche Firmen entlang ihrer globalen Lieferketten auf die Einhaltung der Menschenrechte zu verpflichten. Und den Systemrelevanten ist allzu klar, dass die Ankündigungen zukünftiger Verbesserungen Heuchelei sind. Die Wiederherstellung der Normalität ist die Agenda. Alles beim Alten.

Dass historischer Schrecken droht, ist mittlerweile klar. Eine Arbeitslosenquote in den USA von 20% galt als möglich, bevor schnell 30% befürchtet wurden. Nouriel Roubini schrieb im Guardian vom schnellsten und tiefsten ökonomischen Schock in der Geschichte. In Foreign Affairs befürchtet Branko Milanovic, der vormalige Chefökonom der Weltbank, den sozialen Kollaps nebst dem Ende der Globalisierung. Normal ist einzig, dass die Prognosen der Ökonomen himmelweit auseinander liegen. Welche Form wird der Absturz, gemessen im BIP, annehmen? Zur Auswahl stehen V, U und L, aber auch I.

Das Ausmaß zu erwartender Angst, die bereits Fakt ist, ergibt sich aus banalen Zahlen. 30 Prozent der Amerikaner verfügen über keinen oder negativen Wohlstand. In England gelten 14 Millionen Menschen als arm. Laut statistischem Bundesamt waren in Deutschland 2018 13 Millionen Menschen armutsgefährdet. 21 Millionen Bürger hierzulande können keine unerwarteten Ausgaben von 1000 Euro stemmen. In den USA können 40% der Erwachsenen keine unerwarteten Ausgaben von 400 Dollar stemmen. 3.7 Millionen Vollzeitbeschäftigte verdienen hierzulande unter 2000 Euro brutto, sodass Kurzarbeit eine echte Bedrohung ist. Die Krise wird erneut keineswegs alle gleich treffen.

Dass skandalöse Strukturen offengelegt werden, trifft also zu. Wie soll man es verstehen, dass allerorten in einem der reichsten Länder der Welt davon die Rede ist und auch sein muss, dass die „Existenz“ von Millionen von Bürgern „bedroht“ ist? Obwohl dies schlimm genug ist und auch unvorhersehbar viele Tote kosten wird, geht es hierzulande um die sogenannte „wirtschaftliche Existenz“, während andernorts innerhalb weniger Tage der Hunger droht und das nackte Überleben auf dem Spiel steht.

Photo by Aleksandar Pasaric on Pexels.com

Wegen der desaströsen Opferzahlen durch das Virus verbietet sich eigentlich jedes politische Triumphgeheul, das hier und da aufgetaucht ist. Gerade aber wegen der Zusammenbruchsrhetorik sollte etwas Bemerkenswertes nicht übersehen werden. Obwohl es heißt, grob die Hälfte der Wirtschaft sei heruntergefahren, handelt es sich bei den ökonomischen Folgen neben der sich zu Angst steigernden Unsicherheit bisher hierzulande zwar um gravierende Einschnitte, aber noch nicht um materielles Leid. Auch deshalb werden die Einschränkungen ohne Murren geduldet, nicht so sehr ertragen, solange eine Zukunftsperspektive bleibt.

Was wichtig ist und was nicht, hat sich durch den Shutdown zum Teil bereits gezeigt. Eigentlich handelt es sich um die einmalige Revolution der Denkungsart, kurzfristig nicht in Geld, sondern über individuelle Bedürfnisse und essentielle soziale Prozesse nachgedacht zu haben. Der Tauschwert der Dinge hat vorübergehend die Dominanz in der Entscheidungsfindung verloren. „Was brauchen wir fundamental?“, war und ist kurzzeitig die Frage und nicht, was Gewinne, Steuern und Arbeitsplätze bringt.

Stellt man fest, dass auf die Verunsicherung noch kein weiteres Leiden gefolgt ist, stellt sich die Frage, wie viele Menschen in den „systemrelevanten“ oder „essentiellen“ Berufen eigentlich tätig sind und unser aller Wohlergehen sicherstellen.

Wirklich Genaues ist den verfügbaren aggregierten Daten der Bundesagentur für Arbeit, des statistischen Bundesamtes und weiterer Quellen nicht zu entnehmen und unter „Systemrelevanz“ versteht jeder anderes. 237.000 Menschen, das sind 0,3% der Bevölkerung, arbeiten jedoch in der Gruppe der Land-, Tier- und Forstwirtschaftsberufe. Unter der Bezeichnung „Land-, Forstwirtschaft und Fischerei“ findet man auch die Zahl 617.000. Importe und damit im Ausland verbundene Arbeit sind hier nicht enthalten und Exporte nicht herausgerechnet.

In der Rubrik Lebensmittelherstellung und -verarbeitung werden 850.000 Beschäftigte (1%) aufgeführt. In der Getränkeherstellung arbeiten nur 14.500. Fasst man den Großhandel für Nahrungs- und Genussmittel, für landwirtschaftliche Grundstoffe und den Verkauf von Lebensmitteln zusammen, dann umfasst dies 680.000 Angestellte. Im Bereich „Verkehr und Lagerei“ findet man die Zahl von 1,8 Millionen. Die Versorgung mit Energie und Wasser nebst der Entsorgung von Abfällen leisten 570.000. Altenpflege: 600.000. Erziehung und Unterricht: 1.3 Millionen. Krankenpflege: 1.1 Millionen. Ärzte: 390.000. Arzt- und Praxishilfen: 640.000. Apotheken: 51.000. Berufsfeuerwehr: 50.000. Polizei: 250.000. Rechtsberatung, Rechtsprechung, und Rechtsordnung: 185.000. Reinigungsberufe: 850.000.

Sieht man es so, dass diese Berufe für das Überleben und die Sicherheit der Bevölkerung notwendig sind, dann umfassen sie knapp 9 Millionen Menschen, 11% der Bevölkerung. Nimmt man die Unterhaltung durch Medien aller Art als Beigabe für ein gutes Leben unter den Stichworten „Information und Kommunikation“ hinzu, dann kommt man auf ungefähr 10.250.000. Wegen systemischer Verknüpfungen, der fehlenden Industrie und anderen Fertigungsberufen wird man hier und da noch etwas hinzurechnen müssen. Glaubt man jedoch David Harvey in der Tribune, basiert der globale Kapitalismus zu 70-80% auf Verschwendungskonsum, was die Frage aufwirft, was für ein gutes Leben notwendig ist. Bemerkenswerterweise kümmern sich mehr Menschen um Autos als um Kinder, Jugendliche, Kranke und Alte zusammen.

Rund 70 Millionen Menschen sind also offenbar schon vor der weiteren Automatisierung für die Bereitstellung des für ein auskömmliches Leben Notwendigen überflüssig und 75% der Berufstätigen nicht systemrelevant. Solange die Produktion auch des weniger als Notwendigen, gemessen an Bedürfnissen, nicht aufgrund von Zahlen und einbrechenden Renditeerwartungen, also gemäß marktwirtschaftlicher Logik, eingestellt wird, wird es verfügbar sein. Insofern ist Panik unnötig. Die wirkliche Katastrophe wäre die Einstellung der Produktion und Verteilung des wirklich Notwendigen. Sie steht aber bisher nicht im Raum. Jeder der Angst, Hunger oder Schlimmeres leidet, wird nichts als ein Opfer verfehlter Politik sein, nicht einer Naturkatastrophe. Alles wie zuvor.

Auch wenn die Krise dies nicht von alleine bewerkstelligen wird, wäre es tatsächlich möglich, die Zeit der Aussetzung der Normalität für das Nachdenken darüber zu nutzen, ob die panische Wiederherstellung der Normalität eigentlich wünschenswert ist. Eine solidarische, ökologische, auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichtete internationale und demokratische Gesellschaft mit einem Überfluss an nützlichen Dingen und frei verfügbarer Zeit wäre möglich. Der Shutdown zeigt es. Sie ist bloß nicht gewollt. Wie sie genau aussehen würde, ist natürlich auch unklar.

Daniel Plenge (06.04.2020)

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