Ökonomen prognostizieren Ostern und den Deutschen Meister 2021

In der Corona-Krise zeigt sich, dass der Nutzen der Expertise oftmals nicht in Erkenntnis, sondern ideologischer Beruhigungs- und Vergewisserungspolitik besteht.

In Krisen ist es bekanntermaßen so, dass plötzlich notwendig oder „systemrelevant“ erscheint, was vorher sekundär oder irrelevant war. Da in Krisen die Unsicherheit steigt, steigt auch plötzlich die Nachfrage nach Wissen und den ansonsten chronisch unterfinanzierten Wissenschaften. Die Medien laufen kurzfristig heiß. Epidemiologen werden ungewollt und gewollt zu intellektuellen Popstars, ihre Podcasts massentauglich, und ihre Zustimmungswerte interessieren die Meinungsforschung.

Freilich führt die Konfrontation mit authentischer Wissenschaft schnell zur Erkenntnis, dass sie als Beruhigungspille wenig taugt. Im Gegensatz zur Alltagsmeinung ist wissenschaftliches Wissen ungewiss. Zur intellektuellen Grundausstattung von authentischen Wissenschaftlern gehört die organisierte Skepsis und das nicht nur ehrliche, sondern auch ungefragt zuvorkommende Bekenntnis des Unwissens. Kontroversen und Konflikte gehören zur Natur der Sache und sind unproblematisch, soweit sie nicht von einer Öffentlichkeit konsumiert werden, die krisengeschüttelt Definitives hören möchte. Bekenntnisse zu Wissen und Gewissheit entstammen demgegenüber Gemeinschaften, die auf Dogmen und nicht auf Forschung beruhen.

Wissenschaft ist in vielem das Gegenbild zu Gesellschaft und Politik, weshalb ihre Freiheit vollkommen unnatürlich ist und politisch eigens geschützt werden muss. Sie wird in einem Biotop abgekapselt, das „Elfenbeinturm“ genannt wird, weil sie im Normalfall auch vollkommen nutzlos, ein bloßer Kostenfaktor ist, und das Schielen nach Nutzen oftmals unvereinbar ist mit wissenschaftlicher Kuriosität. Besonders prekär wird das gespannte Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, wenn Erstere selbst darauf ausgerichtet wird, Letzterer einen Dienst zu erweisen. Dann droht, dass Wissenschaft identisch wird mit Ideologie. Das gilt zudem dann, wenn man in jener Wissenschaft gar nichts weiß, was für Institutionen seit Jahrzehnten behauptet wird, die sich „wirtschaftswissenschaftlich“ nennen.

Ein bekannter Witz geht so: Was machen Ökonomen? Sie korrigieren ihre eigenen Prognosen. Als Parodie auf den Stand der Erkenntnis formulierte ein Wissenschaftsphilosoph mal das Gesetz, für jeden Träger des Wirtschaftsnobelpreises, der eine Politik x propagiere, gäbe es einen anderen Nobelpreisträger, der die zu x gegensätzliche Politik mit ebenbürtiger Verve verteidige. John Komlos, einer der am meisten zitierten Ökonomen Deutschlands, nannte das Standardwissen toxisch, unwissenschaftlich und mit Ideologie überfrachtet. Nach der letzten Großkrise des Kapitalismus kommentierte ein Bestsellerlehrbuch im Hinblick auf ihre Dogmen wie sonst nur Texte, die religiöse Offenbarungen zu tradieren vorgeben.

Da lässt aufhorchen, wenn in der Krise Journalisten begierig auf „Studien“ verweisen, welche signifikante Erkenntnisse versprechen und Politiker bekennen, nach ihren Erfahrungen mit Epidemiologen in Zukunft den Austausch mit „der Wissenschaft“ zu verstetigen.

Zitiert wurde kürzlich eine „Exit-Strategie“ des Institut der deutschen Wirtschaft, eine „risikoadaptierte Strategie“ unter der Schirmherrschaft des ifo Instituts sowie eine „Gemeinschaftsdiagnose“ von sieben Instituten als Dienstleistungsauftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Obwohl sie in der Presse normalerweise als „Studien“ zitiert werden und von den Instituten teilweise so bezeichnet werden, was suggeriert, dass dort Forschung entsprungenes Wissen präsentiert und zur Anwendung gebracht wird, ist ein solches Wissen dünn bis inexistent.

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Im Kontext der jüngeren Corona-Krise handelt es sich um in Metaphorik ertränkte Kombinationen aus Alltagskenntnis, die jeder der Presse selbst entnehmen kann, Binsenweisheiten und empirischen Daten und deren Extrapolation, die teilweise in offene Spekulation mündet. Ideologische Grundsatzentscheidungen werden durch die Drohung mit negativen Szenarien verschleiert. Begründungen von politischen Maßnahmen auf der Basis wissenschaftlichen Wissens findet man nicht, obwohl man die erwartet, wenn davon die Rede ist, Wissenschaft werde praktisch genutzt.

Das IW fordert im Hinblick auf die „Dämmung des wirtschaftlichen Lebens“ dieses „möglichst bald“ wieder anzufahren, wozu es einer klaren Exit-Strategie bedürfe. Es empfiehlt zudem ein „steuerpolitisches Aufbruchssignal und ein angebotspolitisches Wachstumsprogramm“. Die Begründung des Ziels liegt in einer Binsenweisheit: „Je länger diese notwendigen Maßnahmen andauern, desto größer sind die damit verbundenen wirtschaftlichen Kosten,“ Das heißt genauer, sie gingen über die zu erwartenden Einbußen von 5% des BIP hinaus, soweit der Shutdown länger als bis Mitte April andauere. Ein weiteres Aufschieben des „Wiederanfahrens“ drohe, das als günstig eingeschätzte V-Szenario zu verunmöglichen und zu einem U zu führen. Dazu heißt es: „Und diese Talsohle kann von unterschiedlichen Dynamiken geprägt sein, wenn beispielsweise eine Bankendestabilisierung ab einem bestimmten Zeitpunkt unvermeidbar hinzukommt oder eine Staatsschuldenkrise droht und damit die Finanzierungskreisläufe in der Eurozone gefährdet sind. Mit solchen Nichtlinearitäten haben wir keinerlei Erfahrung aus historischen Vergleichsfällen.“

Das heißt eigentlich, man weiß nicht nur nicht, dass ein „U“ im Unterschied zu einem „V“ eintritt oder unter welchen Bedingungen es eintritt. Man weiß auch nicht, was passieren würde, wenn es einträte. Aber eine Drohkulisse ist aufgebaut, die beim unbedarften Leser seine Wirkung hinterlässt. Bei den Kollegen des ifo-Instituts heißt es: „Es liegen derzeit keine belastbaren Erkenntnisse über eine kritische Shutdown-Dauer vor, bei der es zu einem sprunghaften Anstieg der Kosten kommt (z.B. Destabilisierung des Finanzsystems) kommt. Mit wachsender Dauer steigt aber das Risiko solcher Kostensprünge.“ Das widerspricht sich entweder offen oder auch die Rede vom „Risiko“ ist eine Nebelkerze, die Nicht-Wissen verschleiern und politisch durch ein Drohszenario ausschlachten soll. Aber hier ist man intellektuell offenbar redlicher als dort. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze schreibt im London Review of Books: „Forecasting at this point is little more than a guessing game.”

Das Mittel empfiehlt sich laut IW zum Beispiel auf der Basis der kruden Annahme, dass die Menschen unter miesen Erwartungen keine langlebigen Konsumgüter kaufen. Ferner werden die „gesellschaftlichen Folgen“ ad hoc eingeführt, die daraus resultierten, dass Menschen auf „natürliche Kommunikation“ verzichten müssten. „Es muss daher im Interesse der zukünftigen Wohlstandschancen der Menschen im Land sein, den notwendigen Lockdown zeitlich so gut wie möglich zu begrenzen.“ Viele weitere, von einem Interessenstandpunkt aus betrachtet plausible ad-hoc-Punkte, wie die Annahme, dass es länger dauere, Lieferketten wieder aufzubauen, als den Shutdown zu befehlen, werden angeheftet, wohingegen andere politische Empfehlungen offenbar schlicht ins Blaue hinein formuliert werden. So wird in den Raum gestellt, „durch Unterricht im Schichtbetrieb am Vor- und Nachmittag“ könne die Zahl der Schüler vor Ort reduziert werden, ohne auch nur zu fragen, ob Schulen das unter zumutbaren Bedingungen organisieren können.

Dass es um Ideologie und nicht Wissenschaft geht wird auch klar, wenn aus unterschiedlichen Maßnahmen in unterschiedlichen Bundesländern geschlossen wird, „dass der Handel nicht so weitgehend geschlossen sein muss, wie dies derzeit teilweise der Fall ist“. Die Frage irgendeiner wissenschaftlichen Evaluation der Maßnahmen stellt sich also überhaupt nicht, soweit eine getroffene Entscheidung den Interessen des eigenen Standes entspricht. Letztlich handelt es sich bei den vorgeschlagenen Maßnahmen und der vermeintlichen Expertise um nichts als ein Wünsch-dir-was der Wirtschaftslobby.

Das ifo-Institut kleidet seine wirtschaftspolitischen Forderungen in ein Szenario, dessen Autorität auch von Wissenschaftlern anderer Disziplinen verbürgt werden soll. Immerhin 12 Professoren und ein Doktor zieren die Autorenliste. Eine Binsenweisheit mit ideologischem Kerngehalt besagt: „Ein funktionierendes Wirtschaftssystem ist Voraussetzung für ein funktionierendes Gesundheitssystem.“ Bloß ist die Frage, was beide Systeme als „funktionierend“ auszeichnet. Kubas Gesundheitssystem gilt gewöhnlich als besser als das der USA. Darf man daraus schließen, dass Kubas Wirtschaftssystem funktioniert, weil dies eine notwendige Bedingung für das Gesundheitssystem ist?

Während das IW eher plump das möglichst baldige Ende des Shutdown fordert und pflichtschuldig die Bedingung hinzufügt, dass die „medizinischen Voraussetzung“ dafür geschaffen sein müssen, soll hier eine komplexere „risikoadaptierte Strategie“ der graduellen Öffnung plausibilisiert werden. Das „Risiko der Ansteckung mit SARS-Cov-2“, das „Risiko einer schweren COVID-19-Erkrankung“, die „Relevanz des jeweiligen Bereiches der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens“ sowie die „Möglichkeit der Einführung und des Einhaltens von Schutzmaßnahmen“ werden als Kriterien der adaptiven und auch regional unterschiedlichen Öffnung vorgeschlagen. Sie sollen dann konkrete Maßnahmen für Wirtschaft und Gesellschaft legitimieren, z. B. dass hochautomatisierte Fabriken oder Kindergärten und Schulen eher geöffnet werden. Dies sei besonders relevant, weil Eltern sonst nicht zur Arbeit gehen könnten. Um das politische Anliegen zu unterstreichen, wird dieser Punkt bei jeder Gelegenheit wiederholt.

Weitere Kriterien dafür, was „Relevanz“ heißt, werden zusätzlich eingeschmuggelt. Als besonders relevant gilt eine „hohe Wertschöpfung“, also die Industrie. „Es erscheint naheliegend, zunächst Restriktionen in wertschöpfungsintensiven Sektoren wie beispielsweise dem Verarbeitenden Gewerbe zu lockern.“ Naheliegend erscheint dies aber bloß unter unausgesprochenen Annahmen.

Man mag die Kriterien als plausibel erachten, weil sie zum Großteil nichts als Common Sense sind. Aber die ideologische und politische Schlagseite ist auch hier besonders im wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Segment klar. Als besonders relevant gilt den Autoren der Beitrag zum BIP, z. B. nicht zur Erhaltung der Umwelt oder des guten Geschmacks, weshalb Autos möglichst schnell wieder produziert werden sollen, kleine Dienstleister sich aber im Zweifel noch gedulden mögen. Nicht-Einnahmen werden bereits als „Kosten“ deklariert, was die ideologische Färbung offenlegt. Denn jene Tätigkeiten, die zu solchen Einnahmen geführt hätten oder führen würden, gelten aus anderer Perspektive natürlich selbst als „Kosten“.

In den Ad-hoc-Listen von Kriterien heißt es dann auch, „Sektoren, in denen gut mit Homeoffice und digitalen Techniken gearbeitet werden kann, haben weniger Priorität als Sektoren, in denen das nicht geht“. Das passt zur weiteren ideologischen Ausrichtung, bietet aber auch keine begründete – schon gar nicht „wissenschaftlich“ begründete – Hierarchisierung von „adaptiven“ Maßnahmen. Das wird deutlich, wenn man fragt, warum hier die sozialen und psychologischen „Kosten“ von womöglich Millionen von Dienstleistern, denen soziale Kontakte weiter untersagt würden, nicht gegenüber dem BIP-Beitrag (von Teilen) der Industrie zu präferieren ist.

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Wirtschafts- und gesellschaftspolitische Maßnahmen werden also letztlich auch hier nicht „wissenschaftlich“ begründet, sondern der ökonomische Common Sense gilt als politisch sich selbst begründend. Ohnehin gibt es keine Belege, sondern es wird erwartet, dass man der Autorität der Wissenschaftler folgt. Die Exposition der Empfehlungen ist weitgehend dogmatisch. Gibt es Belege dafür, dass Sport im Freien weniger Ansteckung nach sich zieht als Sport in der Halle?

Hier diskutiert man spekulativ die Einführung der freiwilligen Verwendung von Apps, die über Kontakte von Infizierten aufklären sollen, ohne jede Erkenntnis über deren positiven und negativen Nutzen und stellt deren gesellschaftspolitische Ausschlachtung in Aussicht, obwohl andere gerade das Risiko fürchten. Man könne deren Gebrauch ja „inzentivieren“, indem man sie mit Erleichterungen von Ausgangssperren und Kontaktverboten verbindet. Das heißt natürlich u. a. auch, dass gerade diejenigen, die arbeiten müssen, um zu überleben, jene Apps laden würden, gerade um sich erzwungenermaßen dem Risiko der Infektion aussetzen zu dürfen.

Im Anschluss an die Binsenweisheit, dass Arbeitslosigkeit und die Unfähigkeit, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, „für viele Menschen nicht nur eine wirtschaftliche sondern auch eine erhebliche psychische Belastung“ sei, heißt es: „Hinzu kommt, dass Menschen, die nicht arbeiten können, und besonders solche in Berufen, die nicht als ‚systemrelevant‘ angesehen werden, am generellen Sinn ihrer Tätigkeit zweifeln.“ Das Problem mit solchen Binsenweisheiten, deren teilweise Plausibilität das Fortdauern der gegebenen sozialen Ordnung ohnehin voraussetzt, ist, dass aus ihnen keinerlei konkrete Maßnahmen folgen. Aus dem zweiten Satz könnte man erneut die Empfehlung ableiten, den Großteil der Jobs abzuschaffen, weil sie nicht als sinnvoll erlebt werden, oder aus dem ersten das ganze System der Lohnarbeit abzuschaffen. Aber an so etwas ist hier gleichwohl nicht gedacht, sondern das generische Ziel und die konkrete Maßnahme, den Shutdown zu beenden, soll vermeintlich wissenschaftlich fundiert werden. Solche Binsenweisheiten wie auch der Wiederholte Hinweis auf die besonders betroffenen „sozioökonomisch Schwachen“ haben hier offenbar auch die Funktion, das Anliegen als dasjenige eines Robin Hood darzustellen.

In vermeintlich rechtswissenschaftlich oder vielleicht rechtsphilosophisch expertisierten Passagen finden sich auch offen Argumentationsmuster, mit deren Hilfe ein Ausnahmezustand und Tabubruch nach dem nächsten zur Diskussion gestellt werden kann und bar jeder wissenschaftlichen Argumentation ist: „Wenn alsbald zum ersten Mal seit Menschengedenken keine Ostergottesdienste stattfinden, dann kann und muss man auch über eine – natürlich nach strikten Regeln ausgestaltete – Möglichkeit nachdenken können, die Ausbreitung der Pandemie durch Zugriff auf Handy-Daten einzuschränken.“ Dass einen solchen dümmlichen Satz 12 Professoren und ein Doktor nicht gestrichen haben, sollten sie den Text vorher überhaupt gelesen haben, irritiert.

Im „Gemeinschaftsgutachten“ heißt es zur Krise nichtssagend, aber wiederholt: „Die Länge und das Ausmaß des globalen Abschwungs hängen vom weiteren Verlauf der Pandemie ab und davon, welche Maßnahmen zu ihrer Verlangsamung ergriffen werden bzw. wie lange diese andauern.“ Interessant wäre, welche wissenschaftlich begründeten Maßnahmen zur Verfügung stehen. Für Bekämpfungen der Pandemie als solcher sind Ökonomen nicht zuständig. Aber auch zu jenem „globalen Abschwung“ erhält man hier so gut wie keine wissenschaftlich begründeten Optionen, sondern allenfalls eine Presseschau dessen, was schon gemacht wurde und bloße Forderungen neben Applaus für schon eingeführte Maßnahmen. Vereinzelt wird auf Paper verwiesen, in denen belegt werden soll, dass z. B. das Kurzarbeitergeld ein „wirksames Instrument“ ist.

Die Prognosen, welche Presse und Politik aufrütteln, trifft man nicht etwa auf der Basis von Fakten und Naturgesetzen, wie manche meinen, sondern auf der Basis von Prognosen über die Zukunft, die Unterstellungen, begründetes Raten oder aber schlicht Wunschdenken sind. „Es wurde unterstellt, dass sich das Einfrieren von Teilen der Wirtschaft über eine Dauer von fünf Wochen von Mitte März bis Mitte April erstreckt.“ „Für den Verlauf der Epidemie wird angenommen, dass das derzeitige Einfrieren des öffentlichen Lebens die Zahl der Neuinfektionen deutlich senkt und deshalb die staatlich verordneten Shutdown-Maßnahmen in der zweiten April-Hälfte allmählich wieder aufgehoben werden.“ Die Annahme ist schon jetzt so gut wie obsolet, zumal im Weltmaßstab. „Ferner wird angenommen, dass in der Zeit danach eine effektive Identifikation und Isolation von Infizierten einen schnellen Wiederanstieg der Neuinfektionen verhindern kann.“ Das setzt Testkapazitäten voraus, von denen zu vermuten ist, dass sie kurzfristig nicht verfügbar sind, schon gar nicht im Weltmaßstab. „Schließlich wird unterstellt, dass der von der Bundesregierung und den Ländern beschlossene ‚Schutzschild für Beschäftigte und Unternehmen‘ wirkt, dass also Liquiditätshilfen und Zuschüsse sowie das erweiterte Kurzarbeitergeld eine Insolvenzwelle verhindern.“

Nicht nur vor diesem Hintergrund irritiert, dass das „Gutachten“ die eigenen Prognosen bereits als Tatsachen hinstellt, wenn es (im April) davon spricht, das prognostizierte Schrumpfen des BIP im zweiten Quartal um 9,8% sei „der stärkste je seit Beginn der Vierteljahresrechnung im Jahr 1970 gemessene Rückgang“.

Offen heißt es dann, das Gutachten sei mit großen „Abwärtsrisiken“ verbunden. Von jenen Risiken, die mit den zuvor gemachten Unterstellungen zu tun haben, heißt es gar, sie seien „nicht unwahrscheinlich“. Die Frage ist dann aber, warum man ein Gutachten auf der Basis von Annahmen publiziert, deren Falschheit als „nicht unwahrscheinlich“, also wahrscheinlich, gilt, womit zugleich gesagt ist, dass die gemachte optimistische Prognose auch „nicht unwahrscheinlich“, also wahrscheinlich falsch ist, nämlich ein V-Szenario.

Die Antwort ist, dass solche Gutachten eine ideologische und publizistische Funktion erfüllen. Sie sorgen für Stimmung im Volk und vermitteln politisches Einvernehmen der Wirtschaftsforscher mit der Regierung, was deren Maßnahmen vielleicht auch eine Form technokratischer Legitimität verleiht, selbst wenn sie auf keinerlei wissenschaftlichem Wissen beruhen.

Der Süddeutschen Zeitung sagte ein Konjunkturexperte des ifo Instituts im Kontext des Gemeinschaftsgutachtens: „Was uns so optimistisch macht, sind halt die Annahmen, die wir getroffen haben.“ Das sagt freilich auch der religiöse Fanatiker 5 Minuten vor dem prognostizierten Weltuntergang. Der Wirtschaftsminister sagte derselben Zeitung: „Die Zahlen zeigen uns sehr deutlich, dass unsere Maßnahmen gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie anfangen zu wirken.“

Dabei handelt es sich um eine bemerkenswerte Art alternativer Fakten, die der Plumpheit eines Donald Trump in nichts nachsteht. Eine Studie, die in ihren Unterstellungen voraussetzt, dass die politischen Maßnahmen „wirken“ und ohnehin nur über die Zukunft prognostiziert, wird von ihrem Auftraggeber als Beleg dafür gewertet, dass sie wirken. Eigentlich handelt es sich um einen wissenschaftlichen und demokratischen Skandal.

Auf der Basis solcher Annahmen ist auch plausibel, dass Bayern München 2021 Deutscher Meister wird und Werder Bremen einen Rekordumsatz erwirtschaften wird. Ob es so kommt, hängt von vielerlei Unbekannten, aber besonders davon ab, ob die Annahme zutrifft, dass die Bundesliga gespielt wird. Prognosen auf der Basis von verbreiteten Binsenweisheiten sind oftmals so vage, dass sie so sicher zutreffen wie die Vorhersage, dass auch in diesem Jahr Ostern sein würde. Für solche Prognosen braucht man aber keine Wissenschaftler. Auch nicht für darauf aufbauende praktische Entscheidungen.

Nach Redaktionsschluss wurden die Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina veröffentlicht. Darin liest sich der wirtschaftswissenschaftliche Beitrag wie ein Leitartikel der Tagespresse oder das Pressestatement einer Partei. Ob man dem zustimmt, ist in keiner Weise eine wissenschaftliche Frage, zumal auch kein wissenschaftliches Wissen eine Rolle spielt. Auch der soziologische Teil verbleibt in der Metasprache Luhmann’scher Systemtheorie und trägt substantiell nichts bei, außer den Hinweis auf Probleme der Vermittlung von Perspektiven und „Logiken“ in politischen Entscheidungen, deren Lösung der Politik allerdings vollkommen überlassen bleibt. Der pädagogische Beitrag ist so, wie Beiträge von Pädagogen immer sind. Der Freitag kommentierte das Papier bissig.

Daniel Plenge (13.04.2020)

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