Spekulationsblasen, Wunschträume und Täuschungsmanöver: Wird alles gut, kommt nach Corona die sozial-ökologische Wende?

Anhänger von Fridays for Future sollten gerade intensiv die Zeitungen der Alteingesessenen lesen. Konservative und Liberale sehen in der Vergangenheit unsere rosige Zukunft und in der Gegenwart die erzwungene Pause vom Fortschritt. „Linke“ sehen in der Gegenwart die Fortdauer der vergangenen sozial-ökologischen Katastrophe, ihrer Zukunft fehlt jedoch jede Vision und Strategie. Und gerade technokratische Moderate wollen, dass trotz Wenderede und verstreuten Einzelmaßnahmen fundamental alles beim Alten bleibt. Ob so die Zukunft der Jugend gerettet werden kann, muss fraglich bleiben. Von Daniel Plenge

Zunächst war die Stunde der augenscheinlichen Fakten in Italien und New York, die plausible Prognosen erlaubten und vorübergehende Einigkeit herstellten: Menschenleben oder zumindest Krankenhäuser müssen vor der Überlastung gerettet werden.

Danach folgten schnell geschichtsphilosophische Diagnosen zur Einordnung der Ereignisse. Der Blick wandte sich schnell Richtung Zukunft.

Die Meinungen reichten, und reichen noch immer, von „Covid-19 verändert alles“ (27.03., Novara Media), sei ein „globaler Wendepunkt“ (Der Freitag/The Guardian, 27.03.) zu „COVID-19 wird die Grundrichtung der Weltgeschichte nicht so sehr verändern als sie beschleunigen“ (07.04, Foreign Affairs). Wie es scheint, sind die Grundpositionen in den Medienlandschaften überall ähnlich.

Zu apokalyptischen Vorstellungen des baldigen Untergangs gesellen sich die eschatologischen von Erlösung oder wenigstens der Erfüllung von Aufgaben: “Die heutige Seuche ist ein unsichtbares Monster, aber sie gebiert eine bessere Welt.“ (26.03., New York Times) Vielleicht ist sie ja nicht nur ein Weckruf, sondern auch ein Probelauf zur Bewältigung von Großem, nämlich der Klimakrise. Wie der von schwerer Krankheit Genesene mit neuer Erkenntnis auf die Welt blickt und die Zukunft erwartet, so doch vielleicht auch „wir“, glauben oder hoffen manche (SZ-Magazin, 08.05.). Der Anlass von allem, nämlich die Pandemie, spielt an dieser bereits so gut wie überhaupt keine Rolle mehr.

Früh wurde jedoch gemahnt, dass die (vermeintliche) historische Größe des Ereignisses, die an dessen Unvergleichbarkeit deutlich werde, nicht mit einer entsprechenden Wende im Denken gleichzusetzen sei (The Guardian, 26.03.) oder einem erfolgreichen Weckruf (The Guardian, 25.03.) gleiche, dem auch Handeln folgt. Demzufolge könnte auch alles beim Alten oder im Rahmen des Normalen bleiben.

Die dritte Variante ist das gelassen-pragmatische Weiter-so der Alternativ- und Erschütterungslosigkeit. Dahinter steckt die These, die Pandemie ändere langfristig nichts. Dass sie, obwohl außerhalb von Krisenzeiten die Standardmeinung, derzeit nicht so prominent ist, dürfte daran liegen, dass für viele viel auf dem Spiel und daher zur Debatte steht. Daher rührt die Zuspitzung des publizierten Meinungsjournalismus wie auch der Glaube, beim Blick auf die Gegenwart wie in einer Glaskugel die Zukunft erblicken zu können.

Zur Einordnung der Ereignisse in die Geschichte eines Landes, eines Supersystems oder Weltsystems, und dessen spekulative Transformation in die Zukunft gesellen sich notwendigerweise Annahmen über dessen Vergangenheit.

Zu der anerkannten Weisheit bezüglich der Globalisierung gehört laut Foreign Affairs (16. März): „Adam Smiths Der Wohlstand der Nationen wurde zum Wohlstand der Welt, als Unternehmen die Vorteile einer globalen Arbeitsteilung nutzten.” Von Liberalen und/oder Konservation wurden ähnliche Thesen verschiedentlich verbreitet (Zeit Online, 23.04.; Tichys Einblick, 27.04.). Der Blick auf die Vergangenheit korrespondiert – natürlich – mit einem entsprechenden Blick in die Zukunft.

Das polare Gegenüber der Positionen sieht das entsprechend anders, was die Zukunft betrifft genauso wie bezogen auf die Vergangenheit. Beispielsweise hieß es in der taz: „Das, was sich Wohlstand nennt, basiert auf einer noch nie dagewesenen Ausbeutung von Natur und Mensch. Sowohl die ökologischen Zerstörungen als auch das extreme Anwachsen der Ungleichheit, vielfach dokumentiert und analysiert, sind allgemein anerkannt, nur nicht in Kreisen von Realitätsleugnern und systemrelevanten Ideologen.“

Photo by Andrea Piacquadio on Pexels.com

Der kritische Blick.

Das allgemeine Phänomen ist simpel benannt und allzu bekannt. Ist von Vergangenheit die Rede, geht es um die Gegenwart. Ist von Zukunft die Rede, geht es insgeheim auch um die Gegenwart. An vermuteten sogenannten „Epochenbrüchen“ verschmelzen sie spontan in dem jeweiligen Urteil über die „Historizität“ des Geschehens, in dem sich in jedem Fall Großes ankündigt. Entweder das tolle Alte oder das tolle Neue.

Dass durch die Krise in der Weltbevölkerung der Orientierungsbedarf gestiegen ist, lässt sich an der Zunahme der Zeitungsverkäufe wohl ablesen. Bloß wird der Zeitungsleser beim Querlesen enttäuscht sein. Zumindest soweit er „ein Idiot mit der steinzeitlichen Idee einer kritischen Intelligenz“ ist, wie es der Schriftsteller Norbert Niemann nannte.

Denn auf allen Seiten sind die Behauptungen über

die Vergangenheit äußerst allgemein oder simplifizierend,

über die Gegenwart deutlich aus einer Gruppenperspektive formuliert, und

über die erwartete Zukunft ohnehin in Höchstmaß spekulativ.

Die Auskünfte über

die gewünschte oder angestrebte Zukunft (für alle im Staat, der Welt oder im eigenen Wohnzimmer) sind weniger als skizzenhaft.

Dies alles sind Merkmale unausgegorener Ideologie – oder des politischen Diskurses generell.

Dass die Behauptungen spekulativ sind, sieht man daran, dass die Experten eher Propheten sind. In einem wiederholten Muster wird behauptet, die Gegenwartskrise würde zwar den Samen der Zukunft enthalten, aber leider ließe sich weder sagen, welche Pflanze daraus werden wird noch, ob diese Pflanze verzehrbare Früchte trägt. Es heißt dann auch, ähnlich inhaltslos wie in dieser Metaphorik: „Nur im Rückblick werden die Konturen der neuen Welt, die wir betreten, klar werden.“

Der Gestus ist cool. Schließlich suggeriert er eine tiefe Einsicht, obwohl es sich bloß um heiße Luft handelt. In einem weiteren Stil, jetzt nicht im Feuilleton, sondern der offiziellen Wissenschaftsberatung, wird behauptet, die Zukunft werde definitiv wie die vormalige Normalität aussehen, weil die Vorannahme aller Überlegungen ist, dass die Abnormalität bloß temporär ist. Die Zukunftsprognose offenbart auch hier einzig eine ideologische Perspektive auf die Geschichte, sonst aber gar nichts (siehe Agathonia Media).

Photo by Javon Swaby on Pexels.com

Schon eine Ewigkeit her – es war Januar – wurde diese Geschichte mit einem Zug verglichen, dessen Lokomotive man zumindest loswerden muss: „Sabotage ist gerechtfertigt, wenn es gilt, die Lokomotive der Geschichte auf ihrer rasenden Fahrt in den Abgrund zu stoppen.“ Die Metaphorik ist zwar wunderbar und in Variationen verstreut zu finden. Sie könnte sich gar auf handfeste Trends berufen, weshalb sie auch den Geist der Zeit, angesichts der absehbaren Klimakatastrophe, auf den Punkt bringt. Bloß unterbleibt dies genauso wie ein wenigstens skizzenhaftes Bildchen der Alternative – der neuen Antriebskraft wie auch des angesteuerten Bahnhofs -, welche die Metaphorik begründet. Und Kritiker können oftmals einwenden, dass die negative Haltung, die sich am Alltagsverhalten anderer festmacht, bloß eine persönliche Befindlichkeit ist, die als Wunschtraum in die Zukunft verlängert wird. Es bleibt dann bloß der Eindruck, dass es ums Ganze geht oder zumindest gehen soll. Dass es ums Ganze gehen soll, weil pragmatisches Kleinklein im Rahmen der derzeitigen Herrschaftsverhältnisse ohnehin nichts bringe, dies jedoch trotz gut gemeinter Lippenbekenntnisse auch kaum jemand wolle oder könne, hat Jutta Ditfurth klar ausgesprochen. Den Älteren ist sie als kluge Grüne aus den Zeiten bekannt, als diese Partei vor ihrer Neoliberalisierung noch als irgendwie links gelten konnte. Seitdem gilt sie wohl als altklug.

„Wer einen echten Umbruch will, muss sich und anderen klarmachen, worum es in diesem Kampf eigentlich gehen muss: nicht um Veränderungen innerhalb des kapitalistischen Systems, sondern um die Befreiung von Mensch und Natur aus ebendiesem System.“

Sie schreibt unter anderem der Fridays for Future-Bewegung ins Stammbuch, radikal zu sein heiße, an die Wurzeln der gesellschaftlichen Verhältnisse zu gehen. Dazu müsse man sie aber kennen, fügt sie vielsagend hinzu.

Wie die „Vergesellschaftung“ der Produktionsmittel aber vor sich gehen soll und wo sie sie endet, bleibt offen, wenn auch gesagt wird, dass die Voraussetzung davon die Veränderung des Bewusstseins sei. Der Aufruf zum Kampf ist einer um die Freiheit: „Wann und wie können wir, die wir wirkliche Freiheit für alle wollen, mit dieser Herrschaft brechen?“, nämlich der Herrschaft von Staat und Kapital.

Doch was genau ist diese Freiheit, von der die Rede ist, und wem genau in welcher Zahl wird sie wo vorenthalten? Wenn das nicht klar gesagt wird, wird ein junger Freitagsdemonstrierer weder wissen, wovon er sich emanzipieren soll, noch, worin der Zustand der Emanzipation bestehen würde. Zumindest das Denken der „Normalos“ (siehe Agathonia Media) könnte – und wird – alles andere als problematisch erachten als ein Fehlen von Freiheit: Jutta, wir leben doch in der Demokratie und haben das Grundgesetz errungen!

Photo by Helena Lopes on Pexels.com

Der existentialistische Blick

Wie immer, wird auch ein Existenzialismus und Kulturphilosophie bemüht, um irgendeinen Sinn in der Krise auszumachen. Während Ditfurth das Fehlen eines revolutionären Subjekts bemängelt, tritt hier in der Krise „der Mensch“ in Erscheinung.

Das Virus habe die in ihrer Sicherheit Selbstgefälligen mit der Offenbarung einer offenen Zukunft konfrontiert: „Hatten wir nicht gelernt, mit Wissenschaft und Technik uns aller Fesseln zu befreien? Von wegen, mahnt das Virus. Offen war die Zukunft immer. Nur vergaß der Mensch das irgendwann und muss die Zukunft wiederauszuhalten lernen.“ (Zeit Online, 24.04.) Es gelte nun halt, mal etwas auszuhalten und den Wert dieser Übung zu erkennen, selbst wenn man diese Entbehrung im Gegensatz zur sportlichen und erotischen Kasteiung mal nicht bestellt habe.

Man muss kein Altlinker sein, um zu erkennen, dass es sich hierbei um etwas handelt, das man früher einen „Klassenstandpunkt“ nannte. Dasselbe findet sich bei einem Magazin etwas weiter südlich.

Das SZ-Magazin (08.05.) hat gelernt: „Nachdem wir uns jahrzehntelang unverwundbar gefühlt haben, gewährt uns dieses Virus einen erschütternden Blick in die Unausweichlichkeit unserer Sterblichkeit.“ Die gute Botschaft sei, „dass das Virus unserer prometheischen Ich-Sucht eine Grenze gesetzt hat.“ Von „unserem“ Glück und „wir“ heißt es: „Glück ist für uns schon lange nichts mehr, was einem vom Schicksal oder einem gnädigen Gott gewährt wird. (…) Glück ist, man kann es nicht anders sagen: Normalität, die nicht unterschritten werden darf, weil sie uns verdammt noch mal zusteht.“

Freilich muss man im Rahmen der derzeitigen Nachrichtenlage erneut kein Soziologe sein, um festzuhalten, dass das allerletzte Problem der unterbezahlten, prekarisierten und geringgeschätzten „Systemrelevanten“ ihre Ich-Sucht oder ihr Überfluss an Glück ist, wobei es darüber hinaus gut sein könnte, dass ähnliche und schlechtere Umstände einen großen Teil des Lebens der Weltarbeiterschaft prägen, auch schon vor der Krise – also sicher nicht „uns“ und „wir“.

Care-Arbeiter in England berichten beispielsweise, dass sie vor der Wahl stehen, wegen fehlender Schutzausrüstung das Leben anderer zu gefährden oder ohne Einkommen dazustehen. Sind mit den Glücklichen auch die vielen „Toten aus Verzweiflung“ gemeint, die von Angus Deaton und Anne Case für die USA als Teil der dauernden Normalität diskutiert werden? Die Textilarbeiter in Bangladesch und andernorts, die vor Corona 105 Dollar im Monat erhielten und nun ums Essen gebracht sind? Ist es nun zu begrüßen, dass im Lockdown 2,1 Millionen in der BRD erhebliche, „existenzbedrohende finanzielle Verluste“ einstecken müssen, weil ihnen dadurch die Ich-Sucht ausgetrieben wird?

Dass es bloß mal für eine vorübergehende Dauer etwas „auszuhalten“ oder den Gürtel enger zu schnallen gelte, ist freilich auch nicht neu, sondern eine ideologische Grundmessage des Einheitsdenkens der Besserverdienenden gegenüber den Schlechter- oder Nichtsverdienenden seit 40 Jahren.

Als hätte sie diesen ausgelatschten ideologischen Stiefel bereits gerochen, schreibt Ditfurth: „Wie können ‚wir‘ die Natur wieder in einen Zustand versetzen, in dem alle Menschen gesund leben können? Indem ‚wir‘ begreifen, dass dieses ‚wir‘, das angeblich alles gleichermaßen zu verantworten hat, nicht existiert.“

Aber wer sind dann wir, die wissen, dass wir es nicht gewesen sind und nicht sein wollen und die dort davon überzeugen, es auch zu sein? (Ditfurth weiß, dass es dieses Wir faktisch nicht gibt, hofft aber noch.)

Diese Erkenntnis müsste also praktisch nach sich ziehen, in der Auseinandersetzung dezidiert die gruppenspezifischen „Verhältnisse“ des Lebens und Malochens neben den ideologischen Verschmalzungen und Machtrelationen zu erheben. Man findet dies aber nicht, sondern häufig entweder eine generische Entschuldigung des unschuldigen Konsums oder – im kritischen Lager –  eine generische Verdammung allen Konsums, der bloß die sozialen Unterschiede (und Ungerechtigkeiten) einebnet, also auch ideologisch ist.

Photo by Andrea Piacquadio on Pexels.com

Der liberal-konservative Blick.

Die in der Normalität kommod eingerichteten Ideologen von FDP und Co  gönnen sich diese Differenzierung freilich auch nicht, behaupten aber in ihrer Gleichung „freiheitlich = Kapitalismus = Globalisierung“, dass jede globale ökonomische Vernetzung anders als „marktwirtschaftlich“ gar nicht möglich sei – natürlich ohne jede Evidenz – und daher alle in jeder Alternative, die gar nicht genannt wird, schlechter dastehen würden, was gewöhnlich bloß mit historischen Anekdoten vom Realsozialismus unterlegt wird. Hier gilt Ungleichheit natürlich als gerecht, und sie hat mit Freiheit nur insofern etwas zu tun, als die Verlierer ihre Freiheit eben zu wenig genutzt haben, um erfolgreich zu sein.

Interessant ist in so gut wie allen ähnlichen Standpunkten, wie philosophische Leerformeln dazu dienen, unklare Ideen und Projekte zu kaschieren.

An anderer Stelle sind dies neben „Freiheit“, „Rationalität“ und „Vernunft“ (oder „Wohlstand“) auch „Solidarität“ und „Gemeinwohl“, die in der Zukunft verwirklicht werden sollen. Da kann natürlich niemand widersprechen. Bloß versteht darunter jeder etwas anderes und entsprechend liegen kreuzverschiedene Mittel auf dem Weg ihrer Realisierung:

„Die Pandemie ist global, daher muss Solidarität über Ländergrenzen hinausgehen, um das sicherzustellen, was der Markt ein ums andere Mal verspricht: Frieden, Freiheit, Wohlstand. Somit sollte Solidarität kein wärmendes Trostwort von Regierungsdiskursen werden, sondern muss politische Handlungsimperative herausbilden. Hierfür bedarf es der Rückkehr von Staatlichkeit, deren erstes Vernunftgebot dem Gemeinwohl gilt, und damit einer Abkehr von der Mär des freien Marktes und dessen Vernunft.“

Warte mal eine Sekunde! Wenn dir das gefällt, denk darüber nach, eine Münze oder ein Vermögen zu spenden

Es dauert oft nur Minuten, einen Text zu lesen, aber Tage oder Wochen, ihn zu schreiben. Frag dich, ob du diesen Text irgendwo anders gefunden hättest. Lautet deine Antwort "Nein!", dann überleg zu spenden. Lautet sie "Ja!", sag wo. Würden alle derzeitigen Nutzer nur einen Euro rüberschieben, könnte die Seite überleben. Bei dreien könnte sie expandieren. Bei mehr: Weltherrschaft und baldige Realisierung von Agathon.

€1,00

Letztlich erfährt man auch in solchen Sätzen nichts, kann aber einen „links“ zu teilenden Gestus zur Kenntnis nehmen. Ditfurths Frage nach „den gesellschaftlichen Verhältnissen“ stellt sich gleichwohl, denn in dieser Argumentation bleibt offen, warum das Übel des Marktes mit „Solidarität“ gelindert, aber nicht abgewickelt werden soll. Andererseits ist von Grund auf schleierhaft, warum jene, die von ihren Positionen im System profitieren, sich zu irgendeiner Solidarität herablassen sollten. Dennoch suggeriert die Hauruckrhetorik, dass es ums Ganze geht. Fraglich ist aber, ob dies zutrifft, denn jeder weiß, wo die „politischen Handlungsimperative“ Halt machen werden.

Auch an anderer Stelle, der derzeit vielzitierten normativen Ökonomik von Maja Göpel, soll in der Ausdehnung des Worts „Solidarität“ des Zukunftsrätsels Lösung für die „Schicksalsgemeinschaft“ liegen. Obwohl auch hier der Zug der Geschichte mit der Zukunft kollidieren und in der Katastrophe enden soll, an gesellschaftlichen Verhältnissen soll nicht gerüttelt werden, die offenbar selbst in heterodox klingenden Lagern als Naturgesetzmäßigkeiten durchgehen: „Ohne Lastenausgleich werden die mittelfristigen Verteilungseffekte größtenteils den ohnehin schon Privilegierten und Wohlhabenden zugutekommen.“

Photo by Artem Beliaikin on Pexels.com

Aber warum denn eigentlich, könnte man sich aus der Perspektive derjenigen fragen, die auf Ganze gehen wollen. Reicht es, einem Esel ein Lästlein abzunehmen und einem anderen aufzuschultern, um sie dann weiter mit demselben oder auch wachsendem Gewicht im Kreis laufen zu lassen?

Ums Ganze geht es also insofern nicht, als es immer bloß um das alte Verhältnis von Markt und Staat geht, wobei es sich immer schon einzig um zwei Seiten derselben Medaille gehandelt hat. Der moderne Staat, dessen vormoderner Vorgänger den Markt erfunden hat, war immer schon bloß der übergeordnete Gesamtkapitalist, der ideologisch verkleistert als Nation mit anderen in Konkurrenz stand und steht. Seine „beste“ Zeit hatte er als Geld- oder Profitverteiler im Fordismus, womit es 25 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs mitsamt „Wirtschaftswunder“ dann auch bereits wieder vorbei war.

Während man im militanten und konservativ-liberalen Lager letztlich über gar keine Handlungsoptionen informiert wird, sind die diskutierten Lösungen für unklare Probleme im Lager der moderaten Technokratie verstreut und vereinzelt: Finanztransaktionssteuer und Nachhaltigkeitsziele hier, Corona-Bonds und Reichensteuer dort.

Falls es an der Zeit wäre, aufs Ganze zu gehen, stellte sich die Frage, ob es einer koordinierten systemischen Strategie bedarf und ob man die hier findet. Nur: Auch hierzu müsste man die „Verhältnisse“ (bzw. das System) kennen und diskutieren.

Das ebenfalls genannte Grundeinkommen ist außerhalb eines genaueren Kontextes von Strategien, Zielen und vielleicht Eutopien auch kein Wundermittel für eine Transformation des Ganzen.

Mehr oder weniger aus dem Nichts tauchte es schon wenige Tage nach Einzug der Corona-Krise am Rand in den Pressepool ein, obwohl das Bündnis Grundeinkommen noch bei den letzten Wahlen in der BRD so gut wie keine Stimmen erhalten hat. Auch die kürzliche Petition zu dessen Einführung, an der fast 180 000 Menschen teilnahmen, fand medial so gut wie nicht statt. Warum bloß?

Jüngst wurde anhand der Ergebnisse eines Experiments in Finnland z. B. diskutiert, ob diejenigen, die Grundeinkommen (von mickrigen 560 Euro) bekommen haben, in größerem Umfang einer bezahlten Tätigkeit nachgingen als diejenigen, die normale Stütze plus Drangsalierung erhalten haben. Als bemerkenswert gilt dann das Ergebnis, dass Bezieher von Grundeinkommen in einem Jahr 6 Tage (!) länger einer bezahlten Tätigkeit nachgegangen seien als die Kontrollgruppe. Kurzum, eine erhoffte Funktion des so verstandenen Grundeinkommens ist stinknormal. Es ist ein anderes Instrument, die Menschen zu dem zu treiben, was sie tun sollen (und oftmals auch wollen). Oftmals soll es an den Verhältnissen auch gerade nicht rütteln, sondern Ungerechtigkeiten oder „Marktversagen“ kaschieren.

Man könnte ein Grundeinkommen, das seinen Namen dann auch verdienen müsste, natürlich auch so einsetzen, dass die Menschen die wirkliche Wahl haben, überhaupt zu arbeiten, sich an umweltschädigenden Unternehmen nicht zu beteiligen, von einem „materiellen“ Standpunkt aus gesehen absurdes Verhalten zu unterlassen (z. B. das Pendeln) oder auch nicht-marktförmigen gemeinschaftlichen Tätigkeiten für das Gemeinwohl nachzugehen. Man könnte es z. B. dazu nutzen, jüngeren Generationen überhaupt die Chance zu lassen, sich zu fragen, ob und in welcher Form sie an der derzeitigen Gesellschaftsordnung teilnehmen wollen. Würden die Freitagsprotestierer zum Beispiel zusätzlich einen Pakt mit ihren immobilienstarken Eltern und Großeltern der Generation Erbe eingehen, um so gut wie Mietfrei wohnen und andere Lebens- und Reproduktionsformen ausprobieren zu können, wäre Neues vielleicht vorstellbar. Ein solche zufällige Mutation in Krisenzeiten könnte vielleicht tatsächlich einen großen Unterschied machen.

Photo by Rosemary Ketchum on Pexels.com

Bloß widerspricht dies alles dem Grundkonsens des „liberalen“, „sozialdemokratischen“, „bürgerlichen“ und „rechten“ wie „linken“ Denkens und seiner Moral, also letztlich allem, was es gibt. Daher darf man sich sicher sein, dass es nicht kommen wird oder wirklich nur als letztes Mittel vor dem Bürgerkrieg.

Denn die parteiübergreifende Meinung bleibt die von Jens Spahn und Co., dass jeder Job besser ist als keiner und wer nicht arbeitet, eigentlich auch nicht essen soll, und wenn dies aus christlicher Nächstenliebe doch sein muss, dann beschissen. „Freiheit“ meint die Freiheit, sich zu verkaufen und bei Erfolg als Belohnung zu konsumieren.

Aus Madrid wurde gemeldet, dass die konservative Regierung die durch Corona ausgefallenen Schulessen für Arme aus Kostengründen durch den Pizzalieferdienst ersetzt hat. Das Ergebnis war, dass die Kinder innerhalb kurzer Zeit 6 Kilo zugenommen haben. Aus der Bundesrepublik wird berichtet, dass das Schicksal von Kindern aus armen Familien ohne Computer in Zeiten von Fernunterricht schlicht nicht interessiert.

Das höchste Ziel aller Parteien ist entsprechend dasselbe wie in der Schule und anderen Besserungsanstalten, nämlich Vollbeschäftigung, wobei vollständig egal ist, was überhaupt gemacht wird.

Die Allgegenwart dieses Denkens springt gerade auch dort in die Augen, wo progressiv gefordert wird, Subventionen für z. B. die Lufthansa an ökologischen Zielen auszurichten, aber die dortigen Arbeitsplätze ohne Frage wichtig seien. Dasselbe hört man im Kontext der Fußballbundesliga und überall. Die Frage ist bloß: Wichtig relativ wozu für wen genau?

Auch hier sind sich Staat und Markt und die herrschende Ideologie vollständig einig. Man lässt die Menschen eher Löcher graben und wieder zuschütten, als dem Undenkbaren stattzugeben, dass sie tun könnten, was sie wollen. Hier liegt auch ohne Frage der moralische Primat gegenüber der Frage, ob dieses Tun die Natur schädigt oder vielleicht nützlich ist für Menschen. Auch die staatstragenden Grünen haben es nie anders gehalten und auch in der Corona-Krise direkt bekundet, dass es nun gilt, „die Wirtschaft“ zu retten. Ferner diskutieren sie entwaffnenderweise Konsumgutscheine.

Falls Fridays for Future eine Ökopartei suchen, sollten sie sie gründen.

Große Veränderungen oder gar Revolutionen kündigen sich dadurch an, dass der Alltagsverstand seine mentalen Infrastrukturen auf den Kopf stellt. Die Einsicht hat noch vor Corona der Anthropologe David Graeber wiederholt.

Danach sieht es aber gerade während Corona nicht aus, sondern eher im Gegenteil. Der erste Einwand gegen das Grundeinkommen ist freilich dessen Finanzierbarkeit. Dasselbe gilt seit Jahrzehnten für fast alles, was irgendwie als „sozial“ oder „ökologisch“ bezeichnet wird oder mit Bildung oder Wissenschaft zu tun hat.

 Als ob Geldscheine etwas wären, das Wert hat und daher von allen geerntet werden müsste wie Äpfel oder Gold, die insofern einen objektiven Wert für Menschen haben, als man sie essen oder einen Weltpokal daraus gießen kann. Zu den oben gelisteten 4 Übeln kommen also noch Krücken aus dem alltagsphilosophischen Kindergarten hinzu.

Photo by Markus Spiske on Pexels.com

Wird alles gut, bleibt alles anders, kommt die sozial-ökologische Wende?

Bei vielem, was man derzeit im Blätterwald finden kann, handelt es sich also um Spekulationsblasen und Wunschträume.

Was kommt, weiß niemand. Auch nicht, inwiefern es anders bleibt oder tatsächlich anders wird. Bloß in der Klimafrage gibt es einen belastbaren Konsens.

Die Funktion mancher Einlassungen soll vermutlich sein, als selbsterfüllende Prophezeiungen zu wirken, indem sich Leser auf die transportierte Haltung einlassen. Die Normalos wollen durch Zuhilfenahme von Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart die Normalität der Zukunft, die daher als bekannt gelten darf. Die Militanten wollen durch Zuhilfenahme von Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart die Revolte und die transformierte Zukunft, von der sie aber nichts wissen. Eine Vermittlerposition übernimmt Teile der radikalen Rhetorik, vermittelt aber die Hoffnung, es ginge mit partieller Sozialtechnologie bei gleichzeitiger moralischer Aufforstung, ohne „die Verhältnisse“ anzufassen.

Die Presse hilft in aller Regel wenig zur Orientierung, weil sie im Meinungsteil bloß ideologische Vorannahmen wiederholt und im Leser zu bestätigen, aber kaum zu überzeugen versucht. Zu den ideologischen Annahmen gehören natürlich unausgesprochene Annahmen über das gute Leben und die gute Gesellschaft. Werden sie ausgesprochen, erweisen sie sich als konservativ und in nichts neu oder der Zukunft zugewandt.

Am Beginn der Krise war Einigkeit. Und als gerade klar zu werden schien, dass größere Veränderungen auch gewollt möglich sind, wurden sich schnell wieder alle einig.

„Alles wird gut“ heißt in aller Regel, alles bleibt gleich. „Es ist noch etwas zu tun“ heißt, alles bleibt insofern anders, als die „Verhältnisse“ gleich bleiben sollen. Ob so die sozial-ökologische Wende möglich ist, bleibt äußerst zweifelhaft.

Ditfurth kann man zweifelsohne in einem zentralen Punkt rechtgeben: Jeder echte Konflikt wird mit unterschiedlichen Strategien vermieden. Es herrscht überall das große „Wir“ und „Man“. Vermutlich ist das die größte intellektuelle Katastrophe von allen. Rutger Bregman schrieb mal, widersprechende Utopien seien das „Herzblut der Demokratie“.

Tja.

Daniel Plenge

Warte mal eine Sekunde! Wenn dir das gefällt, denk darüber nach, eine Münze oder ein Vermögen zu spenden

Es dauert oft nur Minuten, einen Text zu lesen, aber Tage oder Wochen, ihn zu schreiben. Frag dich, ob du diesen Text irgendwo anders gefunden hättest. Lautet deine Antwort "Nein!", dann überleg zu spenden. Lautet sie "Ja!", sag wo. Würden alle derzeitigen Nutzer nur einen Euro rüberschieben, könnte die Seite überleben. Bei dreien könnte sie expandieren. Bei mehr: Weltherrschaft und baldige Realisierung von Agathon.

€1,00

Wenn du Bock hast, trag dich unten ein oder folge der Nummer bei Twitter oder Facebook, um auf dem Laufenden zu bleiben. Teilen und liken erlaubt, noch besser wäre saftige Kritik.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s