Sesselfurzerfilosofie, EP1: Corona-Kolumnen. Alternative Fakten, Verschwörungstheorie light und Gobbledegook

Unausgegorene Verschwörungstheorien werden gerade in den Mainstreammedien zu Recht als abstrus und gemeingefährlich heftig kritisiert. Was man aber von prominenten Kolumnisten dieser Medien zuletzt vernommen hat, ist zwar nicht derart absurd, geht aber in eine ebenso bedenkliche Richtung, ist argumentativ ähnlich gestrickt und hat in Teilen dieselbe ideologische Schlagseite, nämlich Wissenschaftsskepsis. Wir schauen hier auf Jakob Augstein (Der Freitag), Nikolaus Blome (Der Spiegel) und Jan Fleischhauer (Focus). Von Daniel Plenge

Liest Du politische Kolumnen? Regelmäßig? Wenn ja, warum eigentlich? Vermutlich wird normalerweise eine Stellungnahme zu aktuellen Fragen erwartet. Es geht um die Meinung des Kolumnisten. Dazu bedarf es grundlegender Informationen oder „Fakten“ auf der Seite des Schreibers. Viele Leser wünschen sich sicherlich auch eine Beurteilung. Gefragt ist die Einordnung der Information, entweder als Erklärung oder als Verortung im breiteren Gezwitscher der veröffentlichten Meinung. Bekommt man all dies auf einen Schlag, spart man Zeit. Das lohnt, wenn die Meinung des Kolumnisten der eigenen in Informiertheit und Argumentation überlegen ist. Schließlich hat man es ja auch mit Profis zu tun.

Klarheit. Klärung der Sachlage. Klärung der Diskussionslage. Klärung der Relevanz. Darum könnte es gehen. Warum soll ich irgendetwas glauben oder wie soll ich mich dazu verhalten, ist die Leserfrage an den Kolumnisten. Aber auch Verunklarung durch das Aufwerfen von ungestellten Fragen gehört zum Geschäft, schließlich verstehen sich Journalisten oftmals auch als Beitragende zur gesellschaftlichen Debatte, nicht bloß als diejenigen, die Informationen über der Leserschaft auskippen. Und so soll es ja auch sein. Ideologische Selbstvergewisserung gehört auch dazu.

Jüngst sind zwei unserer drei Autoren, nämlich Jakob Augstein (Der Freitag) und Jan Fleischhauer (Focus), durch eine kritische Haltung zum sogenannten „Lockdown“ aufgefallen, was auch zu einem gemeinsamen Podcast und geteilter Verteidigungshaltung geführt hat, während der Dritte, Nikolaus Blome (früher Bild) eine neue Kolumne mit dem Titel „Jetzt erst recht(s)“ beim Spiegel aufgenommen hat und gleichzeitig mit Augstein eine Unterhaltungsshow auf Phoenix vermarktet. Fleischhauer hat beim Focus seinen „Schwarzen Kanal.“ Augstein meldet sich derzeit unregelmäßig als Verleger des Freitag.

Viele Erwartungen, die man an solche Kolumnen richten kann, werden hier kaum oder nicht erfüllt, außer dass der Autor seine Meinung verkündet und bei Blome und Fleischhauer Provokation gegenüber dem Verstehen oder Vermitteln im Vordergrund stehen. Klarheit gewinnt man weder bezogen auf die Sach- noch auf die Diskussionslage. Man gewinnt sie auch nicht im Hinblick auf die legitime und notwendige Kritik am politischen Tagesgeschäft in Corona-Zeiten. Noch weniger gewinnt man irgendeine Erkenntnis bezogen auf das Verhältnis von Wissenschaften und Politik, obwohl es zentral darum geht. Was man mitnimmt, ist eine diffuse ideologische Stimmung bei Blome und Fleischhauer. Bei Augstein den Bedarf weiterzudenken, zu dem er aber auch anregt. Letzteres darf man auch als Erfolg für den Autor verbuchen.

Augstein tendiert in jüngeren Texten jedoch auch zur Verschleierungstaktik, die sich weniger intentionalistisch interpretiert als gedankliche Unklarheit und Widersprüchlichkeit sowie geringe Belegdichte bei loser Faktenlage fassen lässt. Er ist aber erkennbar im Unterschied zu den anderen um Erkenntnis und einen Argumentationsrahmen bemüht, rutscht jedoch gelegentlich in verschwörungstheoretische Narrative ab.

Fleischhauer mystifiziert die Welt in jüngeren Texten gerne durch Dampfhammerhermeneutik, indem er auf dem Lukas rumhämmert, bis er diejenige Sicht auszuspucken scheint, die durchs Dorf getrieben werden soll. Dabei spielen Fakten regelmäßig bloß als alternative Fakten eine Rolle, d. h. als falsche Behauptungen, die oft beiläufig in abstrusen Vergleichen bemüht werden. Damit wird dem unaufmerksamen Leser suggeriert, argumentativ sei Boden gewonnen, obwohl nichts dergleichen geleistet wird.

Blome kalauert sich in seiner neuen Kolumne bisher bübisch durch die Szene, was wohl provokant sein soll und als solches auf dem „Schulhof“ auch ankommt, ein Aber letztlich aber gar nicht lohnt, da, wie auch in der Kolumne des Focus, letztlich kaum Argumentation zu identifizieren ist. Im konservativen Lager scheint man auf einigermaßen sachliche Argumentation für eigene Positionen und gegen andere offenbar grundsätzlich verzichten zu wollen.

Man könnte auch sagen, all dies sei wurscht, denn die Kommentare des Politjournalismus könnten als so relevant wie diejenigen zum Sport eingeordnet werden: Nette, aber folgenlose Sesselfurzerfilosofie.

Was ist Sesselfurzerfilosofie? Das ist unklar. Daher unterstellt die Serie trotz ihres Titels nicht unbedingt, dass das Behandelte wirklich faktisch Sesselfurzerfilosofie ist. Das Ziel der Serie ist es, langfristig eine "soziologische Kulturtheorie" zu entwickeln, die das Phänomen auf den Begriff bringt und stichhaltige Diagnosen erst erlaubt. Man könnte dies auch eine Philosophie der Sesselfurzerfilosofie nennen. Ist alles akademische und nicht-akademische Philosophieren Sesselfurzerfilosofie? Vielleicht. Fällt Sozialtheorie darunter? Vermutlich häufig. Kommt es auf den Inhalt an, die Form oder die Voraussetzungen, den Impetus. Wer weiß. Falls Du eine Idee hast, teile sie doch mit.

Aber immerhin handelt sich hier nicht um irgendwelche Feld-Wald-und-Wiesenreporter. Und die gewollte oder ungewollte ideologische Ziellinie ist in allen drei Fällen die Diskreditierung von Wissenschaft im Namen des wirklich kritischen oder alternativen Denkens. Dass philosophische Unbedarftheiten oder Fehler hier verbreitet sind, ist dabei nicht nur für Akademiker von Interesse.

Denn dies könnte schließlich ein weiterer Schritt dahin sein, den Irrationalismus, vermutlich ungewollt, noch salonfähiger zu machen, der schon zentral für den Rechtspopulismus ist. Das ist die Linie, auf der auch der US-amerikanische Konservatismus liegt. Und auch die Linie, auf der Verschwörungstheoretiker aller Spielarten, die gerade viel eher die Aufregung in der Medienlandschaft bestimmen, bloß bereits konsequent einige Kilometer weiter gelatscht sind. Bekanntlich ist es so gut wie überall so, dass man gerne mit dem Finger auf andere zeigt und die eigene Nase tunlichst ausspart.

Die Seltsamkeiten in diesen Texten sind teilweise offensichtlich, teilweise verstecken sich hinter beiläufigen Behauptungen philosophische Subtilitäten, die bereits folgenreich sein können. In jedem Fall erscheint es lohnend, sich etwas ausführlicher damit zu befassen und die Texte selbst zu Wort kommen zu lassen, auch wenn dies etwas akademisch klingen wird und etwas Zeit erfordert. Denn ansonsten heißt es: Starkes Stück!

Photo by cottonbro on Pexels.com

Subtiler ist es bei Jakob Augstein. Den Text „Bizarre Blüten“ (01.05.) beginnt er mit dem Vergleich der Zukunft mit den „unerforschten Gegenden der Welt“, die Seefahrer früher bereist haben. Offensichtlich ist das Bild schief, da die unbekannten Gegenden, welche die Seefahrer bereisen wollten, bereits existierten, die Zukunft aber nicht. Wie auch immer, von der Zukunft heißt es:

„Alles ist möglich. Das liegt am Virus selbst, über das die Wissenschaft immer noch weniger weiß, als uns lieb sein kann. Aber das liegt auch an der Politik, die in einer Aktionsstarre gefangen ist.“

Das Virus ist also auch ein solches unbekanntes Gebiet. Es ist unscheinbar, aber in einem entscheidenden Punkt ist die These, dass alles möglich ist, bereits falsch.

Denn möglich ist alles, was sich im Rahmen von Naturgesetzmäßigkeiten bewegt, selbst wenn man diese nicht kennt. Über Viren im Allgemeinen und das Coronavirus ist aber sicherlich einiges bekannt und Wissenschaftler können, soweit man ihnen ihre Kompetenz nicht abspricht, unterschiedlich exakte und unterschiedlich begründete Aussagen darüber treffen, was möglich ist und was nicht möglich ist, wozu sie auch auf angrenzende Erkenntnisse zu ähnlichen, aber nicht identischen Virentypen greifen.

Dass nicht alles möglich und gleichermaßen möglich ist, ist ein Grund dafür, wissenschaftliche Experten überhaupt zu Rate zu ziehen. Wäre es so, dass alles möglich ist, dann bräuchte man sie schlicht nicht.

Augstein ist (oder war) ferner der obigen Aussage zufolge der Auffassung, dass eine „Aktionsstarre“ der Politik dafür mitverantwortlich sei, dass in Zukunft alles möglich ist. Vom Lockdown heißt es paradoxerweise, dass er „gleichzeitig den umfangreichsten staatlichen Eingriff darstellt und den totalen Verzicht auf jeden politischen Gestaltungsanspruch.“ Was soll das aber heißen?

Es ist nicht direkt einsichtig, denn zunächst einmal ist der Lockdown beinahe die größtmögliche faktische Gestaltung, die gerade ein guter Indikator für einen großen Gestaltungsanspruch bei Söder und Co. ist. Hätte man nichts gemacht, dann wäre es plausibel gewesen, auf den Verzicht auf einen Gestaltungsanspruch zu schließen, wie etwas zu Beginn der Krise in England. Aber man hat recht viel gemacht. Der aufmerksame Leser bleibt also recht ratlos zurück, was hier überhaupt sinnvollerweise gemeint sein könnte, zumal der einmal initiierte Lockdown auch einen umfassenden Gestaltungsspielraum offenbart hat, nämlich die differenzierte Zurücknahme von Einschränkungen.

Ratlos macht den Leser auch die vorangegangene Behauptung: „Die Politiker fühlen sich gezwungen, zu handeln, wissen aber nicht, was sie tun sollen – das Ergebnis war der Lockdown (…)“. Wieder weiß man nicht, was genauer gemeint sein könnte, wenn man nicht das nimmt, was dort steht. Was dort steht, ist aber äußerst zweifelhaft oder einfach falsch.

Die Politiker wussten zumindest, was sie getan haben. Das kann man in Beschlüssen und Verordnungen nachlesen. Was soll es aber heißen, dass sie nicht wussten, was sie tun sollten? Dass sie sich nicht sicher waren, was sie tun sollten? Das ist vielfach im Leben so, aber sie werden zumindest Gründe für ihr Tun gehabt haben, über die man sich dann unterhalten könnte, was hier allerdings gar nicht intendiert ist.

Irreführend ist es auch, zu schreiben, die Politiker hätten sich gezwungen gefühlt. Von wem? Den Ereignissen? Finsteren Mächten?

Nein, der Gedanke weht woanders hin:

„Zum ersten Mal hört die Politik auf die Wissenschaft – und das Ergebnis ist ein großes Missverständnis. Denn auch die Wissenschaft liefert nicht die Wahrheit, nach der es die Menschen so verlangt.“

Hier verblüfft, dass der erste Satz hier wieder offenkundig falsch ist. Es ist schlicht auch ohne weitere Recherche nicht plausibel, dass die Politik erstmals auf Wissenschaft(ler) hört bzw. sie zu Rate zieht, schließlich geben sie Milliarden für sogenannte „Gutachten“ aus, sicherlich mit diskutierbarem Erfolg. Spätestens seit den 1960er Jahren gibt es die Vorstellung „evidenz-basierter Politik“.

Und warum ist was ein „Missverständnis“? Dass Wissenschaft nicht „die Wahrheit“ liefert, ist eine wissenschaftsphilosophische Binse. Wissenschaft liefert begründete Behauptungen als Annäherung an wahre Behauptungen. Oftmals liefert sie auch schlicht wahre. Und oftmals sicherlich auch schlicht falsche.

In authentischer Wissenschaft gelten – philosophisch gesprochen – die Prinzipien von Meliorismus (Verbesserbarkeit), deren Kehrseite der Fallibilismus ist (Fehlbarkeit). Daraus resultiert die prinzipielle methodische Ungewissheit bezogen auf das gegenwärtige Wissen, so lange man sich im Rahmen von Wissenschaften bewegt. Ob eine Behauptung endgültig als wahr oder falsch eingestuft werden kann, muss aus prinzipiellen Gründen für alle Zeiten offen bleiben, da nie auszuschließen ist, dass zukünftige Forschung sie in Teilen oder gänzlich in Zweifel zieht oder schlicht revidiert. 

Photo by Melissa Thomas on Pexels.com

Philosophische Praxis: Deluxe Edition/Lehrstuhl, Chefredaktion

Wer ist dann aber einem Missverständnis in Relation zu wem aufgesessen? Augstein springt plötzlich von der politischen Ebene auf die mediale, um im nächsten Satz wieder auf die politische zu kommen: „Aber die Medien lechzen nach gesicherten Informationen und nach Wahrheit. Damit kann Drosten nicht dienen.“ Demnach waren es die Medien, die etwas nicht verstanden haben. Sie erwarten letztgültiges Wissen („die Wahrheit“), dessen praktischer Nutzen ferner über jeden Zweifel erhaben sein soll. Und finden ihn erwartbar nicht. Weiter geht’s:

„Seine Wissenschaft liefert nur Rohmaterial, und auch das ist veränderlich. Der Nutzen von Schulschließungen und Maskenpflicht, die Bedeutung der Werte ‚Verdoppelungszeit‘ oder ‚Reproduktionszahl‘, all das ist unsicher und mag heute als Basis für politische Maßnahmen taugen, morgen schon nicht mehr.“

Was hier über Wissenschaft und ihre Unsicherheit behauptet wird, nämlich eine gewisse Willkürlichkeit auch in Relation zur Politik, wäre jedoch zunächst genauer zu beschreiben und dann auch zu belegen, wie bereits von Stefan Niggemeier andernorts ausführlich behauptet und auch belegt worden ist. Auch bei Fleischhauer und Blome wird dies nur in den Raum gestellt.

Rohmaterial wofür?  Offenbar für politische Entscheidungen. Hier liegt der Autor richtig, denn Wissenschaftler machen schlicht in ihrer Rolle als Wissenschaftler und im Unterschied zum Bürger keine Aussagen darüber, was man will oder gewollt werden soll, also politische Ziele.

Sie sagen so etwas wie: Wenn X eintritt, dann kannst du (vermutlich, wahrscheinlich, mit annähernder Sicherheit) Y erwarten, ob du oder wir das nun gut finden oder nicht. Sie sagen auch so etwas: Unsere Indikatoren sprechen dafür, dass X gerade stattfindet, ob wir das nun gut finden oder nicht (obwohl man es mit den Sinnen nicht beobachten kann und alle unsere Indikatoren fehlerhaft sind).

Sie könnten auch so etwas sagen: Wenn X eintritt, dann tritt (vermutlich, wahrscheinlich, mit annähernder Sicherheit) auch Y ein. Und ferner: Ich rate dir: Wenn du Y nicht willst (was deiner Bewertung obliegt), z. B. eine Überlastung des Gesundheitssystems, dann verhindere X. Wenn du Y willst (was deiner Bewertung obliegt), sorge dafür, dass X eintritt.

Augstein schreibt im Kern Identisches wie folgt am Ende von „Bizarre Blüten“:

„Es ist Sache der Fachleute, zu bestimmen, wie man eine Krankheit bekämpft. Aber es ist Sache der Gesellschaft, zu entscheiden, ob sie die Krankheit überhaupt bekämpfen und die dafür notwendigen Kosten tragen will, an Leid, Einsamkeit, Verzicht, Geld.“

Irritierend an der Behauptung ist eigentlich nur, dass wohl nie jemand etwas anderes behauptet hat. Dass dem nicht so ist, wird durch steile Thesen vernebelt. Die Gesellschaft entscheidet gar nichts, denn dazu ist sie nicht in der Lage. Und ihre politischen Repräsentanten haben ja entschieden. Auf den weiteren Subtext kommen wir sogleich.

Augsteins Argumentation zeichnet sich also bis hierin durch ein hohes Maß an Obskurität gepaart mit falschen Behauptungen und philosophischen Missgeschicken aus, also Gobbledegook. Das Bild setzt sich weiter fort.

An die These anschließend, dass der Schutz des menschlichen Lebens nur ein Gut unter anderen ist, heißt es:

„Darum leisten weder Staat noch Gesellschaft jederzeit alles dafür, absolute Sicherheit für jedes einzelne menschliche Leben zu gewährleisten. Aber in der Corona-Krise soll das plötzlich gelten. Aus irgendeinem Grund haben sich Staat und Gesellschaft auf diesen ‚Pandemie-Absolutismus‘ festgelegt, und man gewinnt den Eindruck, je höher der Einsatz wird – an menschlichem Leid und wirtschaftlichen Kosten –, desto weniger können wir von dieser Entscheidung abrücken.“

Nun ist das, was Augstein schreibt, wörtlich genommen wieder offenkundig falsch. Denn der Staat hat keineswegs damit angefangen, jeden Mord oder jeden Nicht-Coronatod zu verhindern. Es ist noch nicht einmal so, dass der Staat wirklich jeden einzelnen Coronatod hätte verhindern wollen. Denn dazu wäre viel mehr notwendig gewesen als eine eingeschränkte Kontaktsperre. Streng besehen hätte man dann auch die Ausübung jener „systemrelevanten“ Jobs und jeden Kontakt untersagen müssen.

Es ist also plausiblerweise so, dass man abgewogen hat und somit das getan hat, was Augstein fordert. Obwohl Augstein niemanden nennt, hat mancher Politiker aber wohl vor Kameras verkündet, jede Infektion und jeder Tote sei zu viel. Markus Söder erklingt z. B. im Ohr.

Photo by Marcelo Jaboo on Pexels.com

Philosophische Praxis: Modell Holzklasse/Privatdozent, Blogger

Die Argumentation, dass Politiker nicht abgewogen, sondern sich einem „Absolutismus“ verschrieben hätten, ist also vollständig unbelegt und ferner unplausibel bis weltfremd. Kann sich irgendwer vorstellen, dass Politiker nicht über wirtschaftliche und andere Folgen nachgedacht hätten? Dass sie auch kein Lobbyist rechtzeitig daran erinnert hat?

Zu allem Überfluss instrumentalisiert Augstein für seine steile These Wissenschaftler (auch beim Namen) und suggeriert dadurch wiederholt, Wissenschaftler hätten irgendein unsauberes Spiel gespielt:

„Drosten und seine Kollegen können den Weg in eine gleichsam keimfreie und seuchensichere Gesellschaft weisen. Die Frage ist nur, ob das eine lebenswerte Gesellschaft ist.“

Das suggeriert den Verschwörungstheoretikern, die mittlerweile tatsächlich protestieren, dass Drosten und seine Kollegen diese Gesellschaft tatsächlich herzustellen intendieren. Falls es dafür Anhaltspunkte gibt, müsste Augstein sie liefern. Haben sie sich aber jemals zu einer keimfreien und seuchensicheren Gesellschaft geäußert? Nach allem, was man weiß, ist dies eine krude Unterstellung, die in ihrer Plumpheit eigentlich überrascht, denn ich bin mir eigentlich sicher, dass Augstein kein Verschwörungstheoretiker ist. Vor dem Hintergrund dieser Aussagen muss der Leser schließen, dass Augstein tatsächlich glaubt, „die Gesellschaft“ habe nicht entschieden, weil Wissenschaftler das Ruder übernommen haben.

Und was in den Texten sonst noch steht, geht durch suggestive Formulierungen teilweise stark in die Richtung einer Verschwörungstheorie light. In dem Text „In der Zwickmühle“ vom 26.03. behauptete Augstein, sowohl den Denksystemen der Epidemiologen als auch der Ordnungskräfte sei „zwangsläufig eine totalitäre Logik eingeschrieben: Die Ausbreitung der Seuche muss eingedämmt werden“. Das ist als philosophische These aber schlicht hanebüchener Unsinn. Welche Hypothese oder welches Modell („Denksystem“) von Epidemiologen enthält eine „totalitäre Logik“? Und was meint „totalitäre Logik“ überhaupt? Wie angedeutet, behaupten solche Hypothesen oder Modelle schlicht, was unter bestimmten Bedingungen zu erwarten ist und was der Fall ist. Mehr nicht. Der Totalitarismus des „Denksystems“ würde zudem voraussetzen, dass Wissenschaftler Macht haben. Sie sind aber beinahe vollkommen machtlos. Ihre Macht besteht allenfalls darin, von jemandem gefragt zu werden, der Macht besitzt.

Wenn Augstein glaubt, dass echte Epidemiologen wie die derzeit medial präsenten glauben, koste es was es wolle müssten Infektionen verhindert werden, dann müsste er dies als Journalist belegen und sich nicht hinter verquerer Philosophie verstecken.

Vor dem Hintergrund der nun grassierenden Verschwörungstheorien, also durchaus anachronistisch im Rückblick gelesen, hat Augstein zudem die bedenkliche Formulierung gewählt:

„Im Moment ruht das Schicksal des Landes in den Händen der Epidemiologen und natürlich in den Händen der Ordnungskräfte.“

„Schicksal“ ist wiederum ein Wort aus dem Lexikon des mystischen Denkens und impliziert das Ausgeliefertsein an irgendwelche obskuren Mächte, hier inkarniert in Wissenschaftlern.

Am 10.04. stellt Augstein fest, die Maßnahmen gegen die Pandemie seien kein Krieg: „Die dramatische Rhetorik hat vor allem den Sinn, die Reihen zu schließen.“ Am 01.05. versteigt sich der Autor dann aber zu geschichtsphilosophischen und offen spekulativen Thesen, die Deutung in großen Linien, und den abstrusen Vergleich:

„Wir aber sind auf dem Weg in das Zeitalter der totalen Medizin. In diesem unbekannten Land, dem wir uns nähern, könnten die seelischen, die sozialen und die wirtschaftlichen Verwüstungen auf Dauer tatsächlich mit denen des Krieges mithalten.“

Auch in den Augen von Verschwörungstheoretikern sind wir auf dem Weg in irgendein herbeifantasiertes Zeitalter, dessen Drohung bloß insinuiert ist. Hier hat die Dramatik der Rhetorik ihren Sinn darin, das Fehlen einer überzeugenden (utilitaristischen) Argumentation, der Abwägung von Kosten und Nutzen, durch Verwendung der einige Wochen zuvor kritisierten Metapher zu verschleiern. Die Hilflosigkeit des Autors wird in brachiale Vergleiche gegossen, als ob die Politik des Lockdowns auf Bundesgebiet eine Landschaft wie nach dem Zweiten Weltkrieg oder dem heutigen Syrien hinterlassen würde.

Konservativere wie Blome nutzen jene Rhetorik von Drama und Angst mit ebenso abstrusen Vergleichen dazu, vor allem der Fridays-for-Future-Bewegung die Ernsthaftigkeit oder Radikalität auszureden.  

Die These der dritten Episode der neuen Kolumne unter dem Titel „Nehmt die Irren ernst!“ ist, dass man der „Mittelklasse“ auf den Anti-Corona-Demonstrationen, die um ihre „statusprägenden Gewohnheiten wie zum Beispiel Massentourismus, Volksfest oder Stadiondauerkarte“ bangen, zuhören sollte. Das ist zunächst so schlicht wie vertretbar. Dass er im Namen von irgendwas um letztlich dasselbe fürchtet, hatte er eine Woche zuvor altväterlich den Kindern von Fridays for Future unter dem geschmackvollen Titel „Auch Greta unter den Opfern“ vorgehalten und nebenbei verkündet, dass er froh ist, ihnen nicht mehr zuhören zu müssen. Er sieht die Corona-Welle FFF den Wind aus den Segeln nehmen, unter anderem mit dem abstrusen Hinweis, ohne regelmäßigen Schulunterricht könne es ja keine Schulstreiks geben. Daraufhin heißt es:

„‘Ich will, dass ihr Panik bekommt‘, lautet ein besonders starker, obschon nicht besonders sympathischer Satz Greta Thunbergs. Er wirkt nicht mehr. Überall auf der Welt, in Bergamo, Madrid, in London oder New York, vermutlich auch in Deutschland, haben viele Menschen Panik jetzt kennengelernt. Ihr Bedarf dürfte vorerst gedeckt sein – und der an aktivistisch bewirtschafteter Panik erst recht. Exakt auf diese setzt FFF jedoch, mithin beschädigt das Virus das Betriebssystem der Bewegung.“

Nicht nur ist das muntere Spekulation und der Zynismus hinter der Behauptung, dass Menschen Bedarf an Panik jemals gehabt hätten, sät erste Zweifel. Man fragt sich auch, wovor die Menschen Blome zufolge wohl Panik bekommen haben in der Corona-Krise? Einer Infektion? Dem Tod? Dem Tod anderer? Dem Verlust der eigenen bürgerlichen ‚Existenz‘? Der Armut anderer in einer Weltwirtschaftskrise?

Blome meint im Kontext seiner Ausführungen sicherlich, dass die Menschen gelernt haben (oder, besser, gelernt haben sollen), dass ihre bürgerliche Existenz auf dem Spiel steht und (mal wieder) unsicher ist, weshalb sie nun wiederum jenen vertrauen sollen, welche „die Wirtschaft“ anzukurbeln gedenken, ohne dabei die lächerlichen Bedenken derjenigen Kinder in Betracht zu ziehen, die nach dem Protestfrühling im Sommer mit Sandburgen am Strand spielen, vermutlich ohnehin im Pauschalurlaub, den sie mit dem Billigflieger erreicht haben. Moral: Ach, Kids, bucht ein Lufthansaticket, kauft ein Auto, und vorher sucht euch einen anständigen Job. Ansonsten wird das nix mehr mit „unserem“ Wohlstand. Werdet wie Vati, Opa, und die „Mittelklasse“. Eine andere Freiheit lassen wir euch ohnehin nicht, ansonsten werden wir euch früh genug Panik machen. Kurzum: Blome möchte auf eine Argumentation mit Andersdenkenden verzichten, indem er ihnen kalauernd die wahre Fratze der bürgerlichen Freiheit zeigt. Zur Panikmache bei der Kindergeneration und hauptsächlich der älteren Mehrheit der Wahlberechtigten wählt auch Blome den abstrusen Vergleich:

Photo by Andrew Dyer on Pexels.com

Philosophische Praxis: Modell Verzichts-Flagellanten

„Und ich möchte allen Verzichts-Flagellanten im lichtdurchfluteten Altbau sagen: In dem Kapstadter Township, wo zwei meiner Kinder für ein Soziales Jahr gearbeitet haben, wird gerade auch ‚verzichtet‘ – und zwar auf zwei von drei Mahlzeiten täglich. Es wird gehungert, weil der Job weg und das Geld alle ist. Wer also das Virus als wunderbar sinnstiftende Disruption einer klimaschädlichen Globalisierung sieht, der macht die Rechnung ohne den Hunger dieser Menschen. Und da draußen sind es verdammt viele, die jetzt hoffen, dass die deutsche Wirtschaft wieder wächst, damit es auch sie aus dem Elend zieht.“

Für jeden mit Hirn ist jedoch klar, dass jenes Elend dort mit dem, was Blome auch hier „Elend“ nennt, nämlich dem vielleicht aufgezwungenen Verzicht auf das Privileg von Pauschalreisen etc., nicht vergleichbar ist.

Derjenige, der hier Panik bekommt, ist offenkundig der bürgerliche „Dieter“ links der Deutschnationalen, der fürchtet, dass die Jugend mit etwas gesellschaftlicher Veränderung (und Verantwortung) ernst machen, von Teilen der Älteren Unterstützung finden und seine Drohung ins Leere laufen könnte. Genau das war ja 2019 in Ansätzen denkbar geworden. Auch Jupp Heynckes wollte zum 75. einen Appell loswerden.

Dass Blome zunächst Panikmache kritisiert, um drei Zeilen weiter zu ebendieser zu greifen, naja. Es wird nicht dabei helfen, seiner ja richtigen Ansicht Gehör zu verschaffen, „politischer“ auszuhandeln, „was der beste Kompromiss zwischen Wachstum, Konsum und Klimaschutz“ ist, denn der Skeptiker wird das Angebot als nicht allzu ernst gemeint betrachten, selbst wenn FFFler hier herein lesen könnten, dass Wachstum im Wirtschaftssprech ja auch negativ sein kann. Am Ende des Tages gibt ja auch intelligente „Linke“, die für Wachstum und dessen Notwendigkeit statt De-Growth argumentieren: „socialist growth“ als Rettung vor der Klimakatastrophe. Echte Fragen gibt es allemal. Auch Luxuskommunismus gibt es nicht in der Wüste.

Allerdings soll auch bei Blome nicht nur FFF die unerhörte Ernsthaftigkeit durch Corona genommen, sondern ebenso „die Wissenschaft“ entzaubert worden sein. Damit kommen wir von der Strategie des abstrusen Vergleichs zurück zur alten Thematik. Man erfährt nur leider wieder nicht, was schiefgelaufen sein soll, sondern vernimmt nur Geraune:

„Alle ernst zu nehmenden Experten sind – wie bei der Erderwärmung – zwar einig, dass es eine große Gefahr gibt. Gleichwohl sind sie fortgesetzt uneins, welcher wissenschaftliche Maßstab der Politik in der Coronakrise an die Hand zu geben sei.“

Was soll aber ein „wissenschaftlicher Maßstab“ sein? Ein Indikator für gegenwärtiges Infektionsgeschehen? Eine Prognose darüber, was zu erwarten ist? Eine Fülle von Prognosen über spezifische soziale Interventionen, zum Beispiel Schulschließungen? Ein Ziel für Maßnahmen oder eine Wahl von Maßnahmen?

Man erfährt es nicht, auch weil das Minimum an Differenzierung fehlt. Blome – wenig überraschend – schlägt sich unausgesprochen auf die Seite von Augstein und Fleischhauer:

„Doch wenn ‚Unite behind the science‘ im Praxistest von Corona bestenfalls eingeschränkt funktionierte, wie sollte das beim Klimaschutz anders und besser sein? So wenig das Virus die Herrschaft der Virologen brachte, so wenig werden die Klimaschützer die Klimaforscher an die Macht bringen. Auch wird sich manche ernst gemeinte Frage post Corona nicht mehr so leicht als antiwissenschaftlich abtun lassen oder als Aluhut-Allergie gegen Algebra. Kurzum: „Unite behind the science“ ist als Betriebsanleitung des Planeten unterkomplex. Corona hat das entlarvt und das Primat der Politik gestärkt.“

Kurz gesagt: So wie Blome und andere es darstellen, ist es schlicht korrekt, dass der Slogan „Unite behind the science“ unterkomplex ist. Das haben wir oben schon gesehen. Allein schon, weil es „die Wissenschaft“ gar nicht gibt, wie jeder weiß, sondern nur unterschiedliche Wissenschaften mit unterschiedlichen Kompetenzbereichen, die sich selten eins zu eins mit politischen Problemen überschneiden.

Eigentlich ist auch dies eine philosophische Binse. Es wird nur suggestiv mehr daraus gemacht. Und da kann es brenzlig werden, schließlich handelt es sich für unsere Autoren auch nicht um eine Binse, sondern ihre eigene großartige Erkenntnis. Das könnten andere ihnen schließlich auch noch glauben.

Die Stoßrichtung für die Zukunft ist offenbar die Vorbereitung eines hohen (oder höheren) und nicht zu hinterfragenden Grades an Improvisation und Dilettantismus als Basis für Politik und dessen journalistische Begleitung. Eine wirklich klare Frage an die Wissenschaft, die zudem von dieser nicht beantwortet worden ist, ist bisher ja kaum publiziert worden. Fragen an sich sind auch nicht „anti-wissenschaftlich“, wie Blome zu meinen scheint.

Warte mal eine Sekunde! Wenn dir das gefällt, denk darüber nach, eine Münze oder ein Vermögen zu spenden

Es dauert oft nur Minuten, einen Text zu lesen, aber Tage oder Wochen, ihn zu schreiben. Frag dich, ob du diesen Text irgendwo anders gefunden hättest. Lautet deine Antwort "Nein!", dann überleg zu spenden. Lautet sie "Ja!", sag wo. Würden alle derzeitigen Nutzer nur einen Euro rüberschieben, könnte die Seite überleben. Bei dreien könnte sie expandieren. Bei mehr: Weltherrschaft und baldige Realisierung von Agathon.

€1,00

Auch hier wäre statt Geraune mal ein Beispiel fällig. „Unwissenschaftlich“ kann man Fragen nennen, die nicht unter der Voraussetzung (und Kenntnis) des derzeitigen Forschungsstandes zu einer Problematik gestellt werden. Innerhalb von Wissenschaften werden solche Fragen schlicht als irrelevant ignoriert. Außerhalb von Wissenschaften darf man jeder Ahnungslosigkeit frönen und entsprechend auch Fragen stellen, für die man andernorts belächelt wird. No problem!

Die politische Frage ist freilich, inwieweit man seine Fragen und Antworten mit jenem Forschungsstand, soweit überhaupt existent, in Kontakt bringen sollte, soweit man sich mit gesellschaftlich Relevantem beschäftigt, also etwas, das direkt oder in seinen Folgen Menschen und die Natur, in der sie leben, betrifft. Eine weitere am Schnittpunkt von Politik, Allgemeinheit und Wissenschaft ist, ob man Experten auf einem Gebiet zunächst einen Vertrauensvorschuss gewährt, oder ob man sich über sie erhaben wähnt, in Worten oder Taten, wie in Reinform Mr. President.

Photo by cottonbro on Pexels.com

Das geschichtsphilosophische Fernrohr in die Zukunft – Modell Corona

Entfernt man den Schleier kruder Philosophie, dann wird auch bei Augstein, allerdings in weit geringerem Umfang als bei Fleischhauer, bereits klar, dass man es bezogen auf Fakten und den Rekurs auf Wissenschaft zumindest nicht so genau nehmen muss, wenn die eigene Position gerechtfertigt werden soll.

Was Augstein jenseits der allgemeinen Politik- und Wissenschaftskritik vermutlich schlicht sagen sollte (siehe auch Agathonia Media), ist, dass er bei der von ihm geforderten Abwägung von Interessen zwischen Infizierten und Toten auf der einen Seite und wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und psychologischen Folgen andererseits anders entschieden hätte als die Entscheidungsträger, sowohl vor dem ersten Lockdown als auch in der Zeit, als er noch ohne Lockerungen Bestand hatte. Dann wäre es seine Aufgabe, diese Meinung genauer zu begründen und überhaupt expliziter aufzudröseln. Er müsste also zu benennen versuchen, was auf einer Seite der Waage und was auf der anderen Seite der Waage liegt.

Das hat er nicht getan. Hier treffen wir neben dem obigen abstrusen Vergleich auch auf die irreführende Verwendung von Tatsachen. Am 10.04. schrieb Augstein in „Rausch des Notstands“:

„Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei Covid-19 um eine Krankheit, die eine Minderheit der Menschen ernsthaft bedroht. Die Politik hat beschlossen, zugunsten dieser Minderheit der Mehrheit sehr schwere Lasten aufzubürden.“

Die Behauptung ist nach damaligem und vermutlich derzeitigem Kenntnisstand richtig. So muss man mit hermeneutischem Wohlwollen zunächst festhalten.

Sie ist dennoch stark irreführend für diejenigen, die es als bemerkenswert erachten, dass diese Minderheit in Deutschland mindestens 22 Millionen Menschen (im Jahr 2018) umfasst, soweit man jene über 60 Jahren als ernsthaft bedroht einstuft. Die 25-39-jährigen, von denen es heißt, sie seien (finanziell und durch Kinder) am stärksten betroffen, machen ca. 16 Millionen aus. Die Gruppe der 1-17 Jährigen, die durch Bildungs- und/oder Betreuungseinrichtungen betroffen sind und von Augstein besonders hervorgehoben werden, umfasst ca. 13 Millionen.

Vor diesem Hintergrund kann man sich fragen, wie richtig oder irreführend die These ist, dass eine Minderheit sich für eine Mehrheit opfere. Nimmt man Kinder, Jugendliche und deren Eltern zusammen, bleibt vielleicht noch immer eine Mehrheit, aber das Bild verschiebt sich dennoch.

Wohlgemerkt, dies ist zunächst eine inhaltliche Unklarheit, wie sie überall vorkommt. Im Unterschied zu anderen ist Augstein hier keine Absicht zu unterstellen.

Besonders auffallend: Die wohltuende Sachlichkeit von Nikolaus Blome im Kontrast zu seiner Kolumne.

Während im ersten Corona-Text bloß eine „moralische Zwickmühle“ behauptet, aber nicht aufgelöst worden ist, heißt es im bisher letzten Text schlicht, dass „ein verantwortungsvoller Weg aus der Krise“ vorstellbar wäre: Kindergärten und Schulen öffnen, Risikogruppen schützen. Kurz: Der Tenor ist, dass alles in allem der Lockdown verantwortungslos war, der Autor aber eine bessere Strategie anzubieten hat.

Das wäre aber zum Publikationszeitpunkt vor dem Hintergrund eines utilitaristischen Standpunkts nur verantwortbar gewesen, wenn Augstein in irgendeiner Form spezifizierte Gesundheitsrisiken für die einen mit dem erwarteten Nutzen der anderen explizit abwägend in Verbindung gebracht hätte. Augstein kritisiert aber nur die Gegenposition.

Dass es um die Abwägung gar nicht geht, zeigt Augstein verblüffenderweise, indem er sich selbst ins Bein schießt: „Vor allem: Einen zweiten Lockdown darf es nicht geben.“ Wieso nur? Sind prinzipiell keine Umstände vorstellbar, in denen der härteste aller Lockdowns die beste Entscheidung wäre, zumal wenn des Autors These zuträfe, dass alles möglich ist? Wenn es prinzipiell um die beste Abwägung ginge, müsste deren Ergebnis zunächst offengelassen werden. Ansonsten wird ein Prinzip mitsamt einer Forderung, die für andere gelten soll, für einen selbst mit Ausnahmen versehen.

Die Gewissheit resultiert auf Augsteins Seite daher, dass er für sich in Anspruch nimmt, was er anderen, vor allem auch Wissenschaftlern/Epidemiologen, abspricht: Nämlich genaues Wissen oder Wahrheit.

„Lauterbach schrieb über das Ergebnis einer Studie zur Wirkung von Schulschließungen: ‚Kurz gesagt: Wir wissen nicht, wieviel Schulschließungen bringen. Schulöffnung muss daher sehr gut epidemiologisch vorbereitet sein.‘ Wir kennen also nicht den epidemiologischen Nutzen einer einschneidenden Maßnahme, wir kennen hingegen sehr gut ihre verheerenden sozialen und psychologischen Folgen – und dennoch soll die Aufhebung dieser Maßnahme in die Hände der Epidemiologen gelegt werden? Willkommen in der Corona-Welt.“

Der Einwand ist zunächst völlig legitim. Denn wenn es so sein sollte, dass man über den Nutzen von Schulschließungen nicht viel weiß und vielleicht gar möglich ist, dass er gegen null tendiert, dann ist der Eingriff tatsächlich unverhältnismäßig, weil auf der Seite der Infizierten und Toten durch die Schulschließung nichts gewonnen, aber aufseiten von Schülern und deren Eltern viel verloren wird.

Aber wohlgemerkt: Bei der Aussage von Lauterbach handelt es sich offenbar um einen Tweet, nicht mehr. Ferner ist Lauterbach als SPD-Politiker näher an tatsächlicher Verantwortung als Augstein, sodass Vorsicht an dessen Stelle vielleicht gar nicht falsch, mindestens aber verständlich ist.

Das für diesen Vergleich notwendig Wissen muss jedoch so lange als zweifelhaft gelten, wie es der Autor nur durch seine eigene Autorität verbürgt. Denn dass Schulschließungen, zumal vorübergehende, von Schülern und Lehrern als verheerend empfunden werden, ist eine geradezu weltfremde These, gerade aus einer Augstein’schen Perspektive, in der das Schulsystem als katastrophal gilt (Presseclub). Wenn es um Eltern mit kleinen Kindern und die benachteiligten Schüler geht, dann müsste der Autor das leisten, was er fordert: Das explizite Abwägen. Dabei könnte z. B. auch herauskommen, dass die Freude über die Schulpause bei Lehrern und Schülern die von Augstein ins Spiel gebrachten Kosten bei Bildungsverlieren wettmacht. Wie auch immer, es könnte sein, dass seine Vermutung stimmt, bloß zeigt er dies eben nicht mal ansatzweise.

Das Abwägen müsste auch mit genaueren Zahlen stattfinden, auch solchen über Gesundheitsrisiken durch Schulöffnungen. Denn der Tweet von Lauterbach sagt nur, dass man nicht genau weiß, wie viel Schulschließungen bringen. Dass jenseits des Tweets nichts, wirklich gar nichts, darüber bekannt ist, welche Rolle Schulen in einem einigermaßen typischen Infektionsgeschehen spielen, ist eine andere Frage (und meines Erachtens nicht sonderlich wahrscheinlich, was aber falsch sein könnte). Die Meinung eines Experten und den Stand seiner Wissenschaft in einem Tweet repräsentiert zu sehen, ist auch eine diskussionswürdige Praxis. Willkommen in der Twitter-Welt!

Das Argumentationsziel des Nachweises der Grundlosigkeit der Maßnahme ist also hier letztlich bloß durch Erschleichung erreicht, zumal offenkundig ist, dass man genauso über die „psychischen und sozialen Folgen“ der Schulschließung und das Ausmaß dieser Folgen nichts Genaues weiß. Genannt wird als Quelle der Erkenntnis auch hier niemand.

In „Rhetorik der Angst: Wie die Regierung die Deutschen in die Corona-Starre versetzt“ (18.04.) behauptet Jan Fleischhauer philosophietriefend: “Die Rhetorik der Angst kennt keine Fragen, nur Antworten. Ihr Sujet ist das Absolute, ihre Grammatik die der Verfügung.“ Auch er hält dieser entgegen: „Dabei müsste man aus meiner Sicht im Gegenteil viel mehr fragen und abwägen.“ Hier kann man es kurz halten: Bei dem Versuch einer utilitaristischen Abwägung kommt allerdings erneut nicht ansatzweise irgendetwas heraus, außer die Kapitulation vor der Antwort.

Während man bei Augstein oftmals recht genau lesen muss, um dies zu finden, überrascht bei Fleischhauer die Regelmäßigkeit und Offenheit des Hantierens mit offensichtlich falschen Annahmen, auch wenn sie nicht zentral behauptet, sondern in die Story eher eingeflochten werden.

In „Wehe dem, der beim falschen Gedanken erwischt wird: Deutschland erfasst die Verdächtigungswut“ (03.05.) heißt es: „Ich mag ja Leute, die ‚si nix scheißn‘, wie man in Bayern sagt. Aber damit bin ich offenbar in der Minderheit.“ Hier verwendet Fleischhauer die veröffentlichte Meinung des Theaterregisseurs Frank Castorf, sich von Merkeln nicht vorschreiben lassen zu wollen, wie oft er sich die Hände wasche. Das klingt hübsch rebellisch und anti-autorität. Bloß hat niemand irgendwem vorgeschrieben, wie oft er sich die Hände zu waschen oder den Arsch abzuwischen habe und darüber einen Bußgeldkatalog aufgestellt. Mir ist dies zumindest nicht bekannt. Es ist auch noch nicht bekannt, dass Ordnungsamt und Polizei diesbezüglich investigativ tätig geworden sind.

In dem Text „Auch die Politik des Lockdown produziert Tote – man sieht sie nur nicht gleich“ (29.03.) behauptete Fleischhauer im Rückgriff auf eine nicht zitierte Studie, am Beispiel Griechenlands könne man studieren, wie eine Wirtschaftskrise Tote hervorbringt. Bloß ist dies in jeder, naja, vielerlei Hinsicht falsch und irreführend, da auch in Griechenland die Mortalität während der letzten Krise weiter – wie vor der Krise – gesunken ist, soweit man Studien glaubt, die in der von Fleischhauer genannten Zeitschrift dazu zu finden sind (siehe Agathonia Media). Hier wird dem Leser mit alternativen Fakten eine Ideologie sowie eine Politik der „Lockerungen“ schmackhaft gemacht.

Photo by Ianos Gadzsa on Pexels.com

Huhn mit Freiheitsrechten vor dem Seuchenfall

In „Ein Satz aus dem Kanzleramt zeigt, wie die Regierung wirklich über Deutschland in der Krise denkt“ (29.04.) heißt es:

„Seuchenschutz bietet den Autoritäten zum Schutz der Allgemeinheit weitreichende Handhabe. Der Seuchenschutz erlaubt zum Beispiel, einem Hühnerbauern unter Missachtung sämtlicher Freiheits- und Eigentumsrechte sofort den Betrieb dichtzumachen, wenn sich Anzeichen eines Grippe-Ausbruchs bei seinem Federvieh zeigen. Jetzt hat man über Nacht 83 Millionen Deutsche in den Hühnerstall gesteckt und die Tür verrammelt. Das ist auch rechtspolitisch ein einzigartiges Experiment.“

Klingt toll. Es ist zu vermuten, dass derartige Maßnahmen auch bei den Hühnerbauern die Ausbreitung der Seuche auf alle anderen Bauern-, Industriehöfe und Freizeittierhalter verhindern sollen, weil sonst der Schaden für alle anderen und letztlich vielleicht für die Allgemeinheit größer wäre. Aber auch dort werden nicht „sämtliche Freiheits- und Eigentumsrechte“ missachtet. Schließlich wird weder der Stall konfisziert oder abgebrannt noch der Bauer unter Arrest gesetzt.

Nicht nur die eine Seite des Vergleichs ist also schief, erst recht die zweite Seite ist abstrus. Das Bild des Hühnerstalls ist offen ideologisch, denn keineswegs sind alle 83 Millionen gleichermaßen in denselben Stall gesteckt worden. Der Verzicht auf die Mühsal der Differenzierung ist wiederum in der Strategie anderer ideologischer Richtungen zentral, vom Rechtspopulismus bis zu offenen Verschwörungstheoretikern.  Die Vielzahl solcher Passagen lässt die Frage aufkommen, ob die Leser hier absichtlich getäuscht werden sollen oder es sich schlicht um Gedankenlosigkeit handelt.

Die Vulgärgeschichtsphilosophie in Form der abstrusen Zukunftsschau wird, wie bei Augstein auch, auf krudeste Art bemüht, wenn der Autor einen Linksruck herbeifürchtet und Aussagen aus dem Kreis der Linkspartei wie folgt verwurstet:

„Mit dem Geld des Staates sind Erwartungen verbunden. Wohin die Reise geht, haben dieser Tage Vertreter der Linkspartei angedeutet. Der Flugverkehr gehöre mit einem Einstieg bei der Lufthansa unter demokratische Kontrolle gebracht, die Regierung müsse künftig entscheiden, wer wohin fliegen dürfe. Auch so nimmt der Corona-Staat langsam Form an.“

Was genau der Corona-Staat (oder der „Seuchenstaat“, dessen Wesen autoritär sei) ist, erfährt der Leser natürlich nicht und die Linkspartei, deren Regierungsbeteiligung im Bund noch nicht bekannt ist, wird so diffus irgendeinem Lager zugesellt, das unterschwellig sich verschworen zu haben scheint, jenen Staat zu errichten. Wenn andere den Autor kritisieren, kritisiert er „die Verdächtigungswut, die alle erfasst, die aus der Reihe tanzen“, was deren Irrationalität andeutet. Er selbst argumentiert jedoch nie in irgendeiner Form, sondern wischt jede abweichende Haltung als mit der eigenen inkompatibel einfach beiseite. Motto: Ich bin „rechts“ und liege richtig, ihr seid „links“, liegt falsch und seid es auch.

In „Ein Satz aus dem Kanzleramt zeigt, wie die Regierung wirklich über Deutschland in der Krise denkt“ (29.04.) führt Fleischhauer das philosophische Kunststück der Hau-den-Lukas-Hermeneutik auf. Dabei geht es im Kern darum, dass es so lange völlig egal ist, was ein Gegenüber denkt oder gesagt hat, solange es auf der Basis eines Schnipsels von Gesagtem möglich ist, eine Sau durchs Dorf zu treiben, welche die eigene ideologische Melodie quiekend bestätigt. Während es in den Kolumnen zu Corona nicht darum geht, die Welt oder Gesellschaft zu verstehen, geht es hier nicht darum, andere Menschen zu verstehen:

„Der Chef des Kanzleramts, Helge Braun, hat der ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘ ein Interview gegeben. Darin führte er aus, wie er und die Kanzlerin auf die Lage im Land sehen. Oberstes Ziel sei es, die Zahl der Corona-Infizierten zu senken, sagte er. ‚Dahinter steht die Wirtschaft erst mal einen großen Schritt zurück.‘

In der Krise finde der Mensch zu sich selbst, heißt es. Das gilt im Zweifel auch für Parteien und Regierungen.

Wen meint der deutsche Kanzleramtschef, wenn er von ‚der Wirtschaft‘ spricht?“

Was könnte man nun machen, wenn man die Frage ernst meinte? Zum Beispiel könnte man den Kanzleramtschef einfach anrufen oder um einen Termin bitten, wenn man zur journalistischen Elite gehört und somit vermutlich leicht Zugang bekommt. Was der Kanzleramtschef meint, interessiert Fleischhauer aber eigentlich nicht die Bohne. Er bekennt daraufhin:

„Mir ist der Satz nicht mehr aus dem Kopf gegangen. So sieht die Bundesregierung also auf Deutschland (oder vielleicht sollte man besser sagen, der entscheidungsrelevante Teil der Regierung): Hier stehen wir, der Staat, das Gemeinwesen, die Gesellschaft – dort steht die Wirtschaft, die nicht richtig dazugehört und auch nie richtig dazugehören wird. Es ist ein Denken, wie ich es aus dem Gemeinschaftskunde-Unterricht der Oberstufe erinnere. Der Gemeinschaftskundelehrer hieß Randolf Retzlaff und war DKP-Mitglied, was mich insofern beeindruckte, als eine Mitgliedschaft in der DKP Ende der siebziger Jahre bei Lehrern noch ernste Konsequenzen nach sich ziehen konnte.“

Dieses Denken – so muss der Leser annehmen – entnimmt der Autor einem Mini-Satz, denn der Rest des Interviews oder andere Äußerungen des Kanzleramtschefs spielen keine Rolle. Das spricht zunächst dafür, dass es sich um Fleischhauers Denken, nicht das von Braun handelt.

Der abstruse Vergleich zwischen Kanzleramtschef und DKP-Lehrer dient einzig der Vorbereitung der Diskreditierung einer Person. Fleischhauer befragt nämlich nicht die Person per Telefonat, sondern dessen Lebenslauf.

Kanzleramtschef Braun sei Mediziner. Aber kein richtiger, denn er habe wohl nie als Mediziner praktiziert, sondern sei nach dem Studium direkt in die Politik und den Bundestag gewechselt. Wozu bedarf es dieser Informationen? Eigentlich gar nicht, aber es dient dem Schüren des Ressentiments gegenüber (Berufs-)Politikern und damit verbunden der Delegitimierung derzeitiger politischer Entscheidungen, über die inhaltlich letztlich nicht genauer verhandelt wird:

„Man kann es auch anders ausdrücken: Die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen, die Helge Braun und seine Chefin verfügen, werden ihn selbst nie betreffen.“

Deren Versorgung sei schließlich gesichert.

„Ist es unfair, auf die Versorgungslage der politischen Entscheidungsträger hinzuweisen? Ich finde nicht.“

Es ist eher, say, dämlich. Denn genauso könnte man fragen oder raunend die Frage in den Raum stellen, warum man Fleischhauer, der nach eigenen Angaben Philosophie und Literaturgeschichte studiert hat, in Fragen von Politik, Wirtschaft und Corona glauben sollte.

Das gespielte Spiel ist also das mit dem Stereotyp. Es kann dementsprechend beliebig eingesetzt und auch aufgegeben werden, schließlich erweisen sich gewiss genau dann jene Berufspolitiker als dufte, die zum eigenen Lager gerechnet werden und Maßnahmen beschließen, welche das Klientel des anderen Lagers betreffen. Das geschieht auch direkt, schließlich bezieht sich Fleischhauer ja explizit nur auf den „entscheidungsrelevanten Teil der Regierung“ und nimmt die anderen somit bereits aus.  

Dass Fleischhauer wiederholt zur Diskreditierung Andersdenkender durch Infragestellung ihrer Kompetenz oder Glaubwürdigkeit greift, statt für die eigene Position und inhaltlich gegen eine andere zu argumentieren, zeigt sich auch andernorts. Nachdem er zuvor Fragen an die Zahlenbasis von Wissenschaft und Politik gerichtet hatte, schreibt er seine Sicht bestätigt sehend:

„Ich kann nicht sagen, dass mich die vergangenen Wochen eines Besseren belehrt hätten. Eine Kanzlerin, die uns sagt, dass alles von den Infektionszahlen abhängt, und die sich dann auf einer Pressekonferenz bei der Zahl der Infizierten um ein Drittel vertut? Ein Wirtschaftsminister, der erst erklärt, dass niemand sich in Deutschland wegen Corona um seinen Arbeitsplatz zu sorgen brauche, um dann kurz darauf Milliarden zur Rettung von Arbeitsplätzen auszugeben, von denen er doch eben noch gesagt hat, dass sie nicht gerettet werden müssten? Eine Behörde für den Seuchenschutz, deren Zahlen über Nacht quasi Gesetzeskraft erlangen, obwohl sie bis vor acht Wochen davon ausging, dass die Alpen eine Hürde seien, die das Virus nie überwinden könnte? Wäre ich Comedian, würde ich sagen, hier liegt 1-a-Showmaterial.“

All dies spricht aber zunächst für gar nichts, es sei denn, der Autor würde uns sagen, wofür es warum seiner Meinung nach genau sprechen soll. Dass sich Menschen irren und Unsinn erzählen, kann dafür herangezogen werden, jede Meinung unterschiedslos für grundlos und falsch zu halten. Aber da wäre auch für Fleischhauer nichts gewonnen, der sich sicherlich auch mal geirrt hat (siehe oben und Agathonia Media), was dann allen seine weiteren Äußerungen die Glaubwürdigkeit nähme.

Photo by Waldemar Nowak on Pexels.com

Philosophische Praxis: Modell vereinsamte Minderheit

Eine ähnliche Argumentationsweise kann jeder Verschwörungstheoretiker verwenden, um seinem Gegner irgendeine Wissenslücke, Unaufrichtigkeit oder auch böse Absicht zu unterstellen, die er dann zur Verteidigung seiner Weltsicht anführt. Dass sich der Kritisierte dann als von der Mehrheit unverstandene Minderheit stilisiert, ist nach den Erfahrungen der letzten Jahre beinahe erwartbar:

„Leute wie ich würden raunen, heißt es jetzt, so als verfolgte jeder, der die Maßnahmen der Politik infrage stellt, eine verborgene Agenda. ‚Raunen‘ ist das Äquivalent zu ‚zündeln‘. Als es noch gegen rechts ging, war dies das Wort, um einen auf die Strafbank zu schicken. Man weiß nicht genau, was gemeint ist, aber es klingt irgendwie gefährlich. Wer raunt oder zündelt, von dem hält man sich besser fern.“

Man weiß bloß sehr gut, was gemeint ist. Nämlich das Operieren mit falschen oder vollständig unklaren Behauptungen, das unbegründete oder schlecht begründete Anzweifeln anderer Meinungen bei gleichzeitiger Koketterie mit vermeintlichen Sag- und Denkverboten, das Anklingenlassen von Verschwörungsmythen zwischen den Zeilen und das vollständige Vernebeln der eigenen Argumentation.

Wie gesagt, vielleicht muss man dies alles nicht bierernst nehmen, da solche Kolumnen kurzfristig entstehen müssen, dem Verkauf und dem Branding der Autoren dienen, ihre ideologische Ausrichtung zum Spiel gehört und, alles in allem, somit vielleicht nicht genau oder überhaupt darauf geachtet werden muss, was in ihnen geschrieben steht. So schnell, wie sie geschrieben und publiziert sind, haben sie sich ja auch versendet.

Bei der generellen Abqualifizierung von Wissenschaft könnte der Spaß dann aber aufhören. Was von dem Gobbledegook neben altbackenen ideologischen Spielchen nämlich übrig bleibt, ist ein unbenannter Makel der Wissenschaft nach dem Motto, wer einmal öffentlich Schmutz abbekommen hat, wird ihn nicht mehr ganz los, obwohl niemand sagen kann, was der Schuldige verbrochen hat und wie er überführt worden ist.

Und wenn erst mal ein Makel da ist, dann muss man den Gezeichneten auch nicht mehr kontaktieren. Wenn erstmal die Wissenschaft diskreditiert ist, dann kann man mit dem weitermachen, wofür sie im Ideal steht: Beobachtung, Begründungspflicht, Nachvollziehbarkeit und Wahrheitssuche.

Den Primat der Wissenschaft hat es freilich noch nie gegeben und wie jeder weiß, wären in vielen die Gesellschaft betreffenden Fragen die Sozialwissenschaften gefragt, über deren Zustand und deren Praxisrelevanz sich niemand, außer konservative Ideologen am Beispiel der Ökonomik, irgendwelche Illusionen macht (siehe Agathonia Media).

Man weiß noch nicht, ob wir hier nur Zeuge des Versäumnisses des Sicherheitsabstands einiger Kolumnisten oder aber der weiteren Angleichung von Politik und Journalismus an amerikanische Verhältnisse in der Form des Anti-Szientismus werden. Dass also auch die „freundlichen Konservativen“ (Blome über sich) ein weiteres Kennzeichen des Rechtspopulismus offener adaptieren als noch 2017, als viele für die Wissenschaft marschierten. Darüber kann hier nichts gesagt werden, denn dazu ist meine Datenbasis natürlich zu klein.

Vielleicht lohnt es aber, die Augen offen zu halten.

Keine Frage: Man kann in der Demokratie alles Mögliche wollen, jeden Nonsens denken und ihm gar zur Mehrheit verhelfen, jede praktisch abstruse Maßnahme auf der Basis gesicherten Unwissens mit formaler Legitimität beschließen. Die Frage ist bloß: Ob das gut ist. Und wenn ja, für wen genau.

Daniel Plenge

Warte mal eine Sekunde! Wenn dir das gefällt, denk darüber nach, eine Münze oder ein Vermögen zu spenden

Es dauert oft nur Minuten, einen Text zu lesen, aber Tage oder Wochen, ihn zu schreiben. Frag dich, ob du diesen Text irgendwo anders gefunden hättest. Lautet deine Antwort "Nein!", dann überleg zu spenden. Lautet sie "Ja!", sag wo. Würden alle derzeitigen Nutzer nur einen Euro rüberschieben, könnte die Seite überleben. Bei dreien könnte sie expandieren. Bei mehr: Weltherrschaft und baldige Realisierung von Agathon.

€1,00

Wenn Du Bock hast, trag Dich unten ein oder folge der Nummer bei Twitter oder Facebook, um auf dem Laufenden zu bleiben. Saftige Kritik wäre auch super.

Falls Du eine genauere Idee hast, was Sesselfurzerfilosofie ist und welche Typen es davon gibt, teil es doch mit, z. B. hier: info@agathoniamedia.com.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s