Kapitalismus, Fcuk off!? 20 Jahre nach dem „Schwarzbuch“ geht die Geschichte doch weiter

Nachdem das Ende der Geschichte nun selbst offensichtlich wieder Geschichte ist und der Kapitalismus vor seiner größten Krise steht, wird er in den Medien teilweise wieder offen verhandelt. Ist der Kapitalismus vielleicht gar am Ende? Was das genau ist, wird leider selten gesagt und auch nicht genauer erörtert, warum er nun genau gut oder schlecht ist. Zeit, das „Schwarzbuch“ zu lesen. Von Daniel Plenge

Der Kapitalismus ist wieder da. Soweit man weiß, war er zwar nie weg. Aber nachdem der Shutdown bei einigen, die ihn kritisch sahen, die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung aufkommen ließ, führte die Frage nach den Lockerungen zu dessen Verteidigung. Dabei steht er für die einen für alles, was schlecht ist. Für die anderen ist er Grundlage und Quelle alles Guten (siehe auch Spekulationsblasen, Wunschträume und Täuschungsmanöver).

Der Gedanke des Epochenbruchs weht erkennbar wieder durch den Blätterwald, zumindest als Lüftchen. Selbst Friedrich Merz twitterte über so etwas. Spätestens seit der Präsident der Speerspitze der „freien Welt“, der jüngst als der menschgewordene kapitalistische Geist bezeichnet worden ist, demokratischen Diktator spielt und Militär gegen US-Bürger aufmarschieren lassen will, ist eine autoritäre oder faschistische Revolution als Spielart des Neoliberalismus ein ernstzunehmender Kandidat. „Revolution“ hat ja von der ursprünglichen Wortbedeutung ohnehin eher etwas mit zurück statt nach vorn zu tun.

Sogar im deutschsprachigen medialen Raum ist das Gespenst der Kapitalismuskritik publizistisch wieder prominent, nachdem dies zuvor eher im angelsächsischen Raum der Fall gewesen ist. Besonders die Zeit fungiert als Zentrum einer kritischen Seite (z. B. hier und hier und hier und hier und hier und hier, vor der neuesten Krise hier und hier und hier).

Mely Kiyak fragt bloß noch rhetorisch:

„Ernst gemeinte Frage: Was muss eigentlich passieren, damit eine Gesellschaft einmal nur ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, ihre Wirtschaftsform, ihre politischen Maßstäbe reflektiert? Zwei Weltkriege, Teilung und Wiedervereinigung, Terror und Seuchen sind es jedenfalls nicht. Was muss noch kaputt gehen, explodieren, sterben, damit mit schlechten Angewohnheiten endlich Schluss ist?“

Klimawandel und Artensterben, die allgemeine Zerstörung der Natur und den Holocaust, Kolonialismus und (Neo-)Imperialismus, anhaltenden Rassismus und Geschlechterungleichheit werden manche hier sicherlich noch mindestens hinzufügen wollen. Und Kiyak tut es auch (siehe auch What The Fcuk Is Normality).

Trotz medialer Teil-Offensive muss aber offenbar gar nichts mehr passieren, um die Bevölkerung oder zumindest deren große Mehrheit von den negativen Qualitäten des Kapitalismus und seinen, oder unseren, „schlechten Angewohnheiten“ zu überzeugen. Elisabeth Rether schreibt über dessen Ansehen in der deutschen Bevölkerung:

„Eine weltweit angelegte Umfrage vom Januar [2020], das Trust Barometer der amerikanischen Kommunikationsagentur Edelman, besagt, dass nur noch 12 Prozent der Deutschen an den Nutzen unserer Wirtschaftsweise glauben. Gerade einmal diese 12 Prozent meinen, dass sie von einer wachsenden Wirtschaft ausreichend profitieren. 55 Prozent sind hingegen der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft. Eine oft geäußerte Antwort auf diese Enttäuschung ist die, dass es leider keine Alternative zu unserer Wirtschaftsordnung gebe. Und jetzt, nach dem Corona-Schock, soll das System, dem so wenige vertrauen, sogar das Versprechen für die Zukunft sein.“

Falls dies stimmt, dann scheinen jene 12 Prozent sich aus der konservativen, wirtschaftsnahen politisch-journalistischen und akademischen Intelligenz zu speisen. Wer sollte es sonst sein.

Jule Govrin fasst die Grundannahmen derer zusammen, die im Shutdown schnell zurückwollten, damit der Kapitalismus seine heilende Wirkung entfalten kann:

„Die Shutdown-Skeptiker vereint der Glauben an das Produktivitätsparadigma und die Marktrationalität. Dieser Glaube begründet sich auf geteilten Kernargumenten, von denen zwei besonders zentral sind. Das erste Argument lautet: Das Wohl des Marktes sorgt für das Wohlergehen der Bevölkerung. Der Markt gilt dabei als Garant von Freiheit und Fortschritt, Gerechtigkeit und Wohlstand.“

In der Corona-Krise hieß es verschiedentlich kurzschlüssig, ohne Kapitalismus kein Wohlstand, ohne Wohlstand kein Gesundheitssystem, ohne Gesundheitssystem keine Gesundheit (siehe auch Ökonomen prognostizieren Ostern und den Deutschen Meister 2021).

Rainer Zitelmann entgegnete den Kritikern in einem „liberal-konservativen Meinungsmagazin“ in viererlei Art und Weise und spricht damit sicherlich eine Position mit breiter Basis aus, zumindest innerhalb jener 12%:

(1) Sie verwendeten „Wortschaum“ im „Rausch der Worte“.

(2) Der Realsozialismus/Kommunismus habe 100 Millionen Tote gekostet, wie sich im Schwarzbuch des Kommunismus nachlesen ließe, was als Entgegnung auf die Verbindung von Kapitalismus mit Tod erörtert wird, die in der Zeit aufgetaucht war.

(3) Die Entgegensetzung von Kapitalismus und gutem Leben, wie sie der Philosoph Wolfgang Welsch vornehme, sei falsch.

Das zeigten historische Daten zu „den letzten 200 Jahren“ oder seit „Beginn des kapitalistischen Zeitalters“:

  • Rückgang der „Rate der extremen Armut in der Welt“ von 90 auf 10 Prozent, allein in China „von 88 Prozent (Mao-Zeit) auf unter ein Prozent“
  • Rückgang der „Müttersterblichkeit um das Dreihundertfache, von 1,2 auf 0,0004 Prozent“
  • Ansteigen der Lebenserwartung: „1845 wäre ein britisches Baby, das das gefahrvolle erste Lebensjahr überlebt hatte, 47 Jahre alt geworden, 2011 waren es 81 Jahre“

(4) Alle Alternativen zum Kapitalismus seien in der realen Geschichte gescheitert und die Vorschläge der „antikapitalistischen Intellektuellen“ blieben vage, seien aber in Staatsvergötterung vereint.

Auch weil hier das Schwarzbuch des Kommunismus auftaucht, könnte auffallen, dass vor fast genau 20 Jahren das beinahe 1000-seitige Schwarzbuch Kapitalismus (SBK) veröffentlicht wurde, das in eben jener Zeit als „die wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre in Deutschland“ diskutiert worden ist und selbstverständlich die Meinungen spaltete wie der Kapitalismus noch heute.

Das war jenes Jahrzehnt, in dem nach dem Untergang des Staatskommunismus Francis Fukuyama, der mittlerweile um die Demokratie bangt, das „Ende der Geschichte“ ausgerufen und das vorläufige Ende einer Debatte über Alternativen eingeläutet hatte. Seitdem gilt diese Ideologie auch als kapitalistischer Realismus. Mittlerweile ist die Geschichte zurück, zumindest die Frage danach und für jene 88%.

Robert Kurz schrieb bereits 1999, kurz bevor er „das währungspolitische Kamikaze-Experiment des Euro“ starten sah:

„Nach dem Ende der Geschichte herrschen Verwirrung und Verhärtung. Die Hoffnung wird irre, weil sie keine Alternative mehr denken kann.“

Wer von Hoffnung spricht, setzt voraus, dass es jemanden gibt, der sich an einem Zustand stört. Die gab es dem Schwarzbuch zufolge (schon) damals nicht, sodass das Buch gewissermaßen zu schaffen beabsichtigen musste, was es als aktivistischer Gestus selbst voraussetzte:

„Nicht einmal die Subkultur ist mehr oppositionell. Um eine neue, andere Alternative denken zu können, muss zuerst die Geschichte rehabilitiert werden. Den scheinbar ahistorisch gewordenen Kapitalismus gilt es zu historisieren.“

Ferner sollten wir bereits damals „die historische Schmerzgrenze der Marktwirtschaft erreicht“ haben, wie es gleich am Anfang hieß, um am Ende wiederholt zu werden.

Die kapitalistische Gesellschaft und ihre Geschichte gelten, im Unterschied zu Zitelmann und dem Konsens zumindest „westlicher“ Eliten, als objektiv schlecht und sollte auch als solche eingeschätzt werden, selbst wenn dies die aktuellen oder historischen Zeitgenossen anders sehen oder anders gesehen haben.

Und hinter der Rede von der „Schmerzgrenze“ steht nicht nur die Idee, dass die Menschen dies nicht mehr aushalten. Nach der subjektiven Krise wartet auch der objektive Tod des Systems, das „unmöglich“ geworden sei: „Eine Schmerzgrenze ist folgenlos nicht überschreitbar. Jenseits dieser Grenze ist der Patient entweder tot oder ein anderer.“

Hier haben wir sogleich das Grundproblem einer jeden Gesellschaftskritik oder auch Gesellschaftsapologie. Globale Prognosen erweisen sich regelmäßig als schlicht falsch oder werden so weit zurechtgebogen, dass sie immer stimmen. Ferner fallen regelmäßig oder gar immer die Behauptungen über Zustände und ihre negative oder positive Bewertung nicht mit der subjektiven Beurteilung der Gesellschaftsmitglieder zusammen, zumindest nicht aller.

In der Politik ist dies egal, weil man entweder die Macht hat und auf die Meinung anderer kaum angewiesen ist oder im praktischen Kompromiss über Dissense hinwegtäuschen kann. In der Behauptung von Fakten und ihrer Bewertung kann man dies freilich nicht, ohne sich lächerlich zu machen. Kritiker und Verteidiger müssen aufs Ganze gehen. Selbst wenn die Lage für manche oder gar viele schlecht ist, muss das Ganze noch immer als gut erwiesen werden. Und wenn die Lage für manche oder gar viele gut ist, muss sich das Ganze noch immer als schlecht erweisen.

Die Aufgabe ist also denkbar groß. Denn dies heißt immer zugleich, dass die ganze Gesellschaft und eine Phase ihrer Geschichte, wenn nicht die ganze, behandelt werden müssen.

Das SBK wollte entsprechend „aus der Analyse des Gewordenseins auf das Ende schließen“ und wähnt die Menschheit nicht nur an der „Grenze des Kapitalismus“, sondern auch an der „Grenze der Geschichte überhaupt“. Die Aufgabe wird auch im Bierzelt des politischen Betriebs immer wieder angegangen, bloß weniger akademisch und intellektuell, schließlich prostet man sich hier unter Seinesgleichen bloß erwartungsfroh zu.

Für den Apologeten ergibt sich aus der Geschichte der Gesellschaft freilich nicht die Erwartung ihres Endes, sondern deren weiterer Fortschritt oder zumindest die Gewährleistung grundlegender, fundamentaler, ja für alle wichtige Güter, z. B. dasjenige, was oben „Freiheit“, „Wohlstand“ oder auch „Gerechtigkeit“ genannt wird.

Hier wie dort, auf der Seite der Verfechter wie auch der Verächter, trifft man leicht auf Unklarheiten. Es fängt schon damit an, dass gewöhnlich nicht gesagt wird, was Kapitalismus eigentlich ist oder „Kapitalismus“ heißt. Im jüngeren journalistischen Blätterwald findet man z. B. die Identifikation von Kapitalismus und Konsum, mit Ungleichheit und Ausbeutung, letztlich mit Machtungleichheiten, mit Wachstum, oder von Kapitalismus und Marktwirtschaft, wobei wieder andere da einen klaren Unterschied sehen.

Fragt man rhetorisch danach, wann eine Gesellschaft ihre „Arbeits- und Lebensbedingungen, ihre Wirtschaftsform, ihre politischen Maßstäbe reflektiert“, dann setzt man voraus, dass all dies klar ist? Ist es das aber?

Irritierenderweise sagt einem auch das SBK nicht explizit, was Kapitalismus eigentlich ist. Es heißt zwar verschiedentlich, er sei eine „grundsätzlich selbstzerstörerische Gesellschaftsform“, eine „ebenso absurde wie antihumane Gesellschaftsform“, „eine der menschlichen Vernunft hohnsprechende Gesellschaftsmaschine“, kurzum „die abgründigste aller bisherigen Gesellschaftsordnungen.“

Worin besteht sie aber?

Was ist Kapitalismus?

Man muss es sich aus den 1000 Seiten etwas zusammen puzzeln. Aber dann erhält man ungefähr dies.

Kapitalismus ist eine Gesellschaft, deren Mitglieder

  1. durch abhängige Lohn-Arbeit,
  2. als voneinander getrennte und miteinander in Konkurrenz stehende Privatproduzenten (unterschiedlicher Rechtsformen)
  3. Waren
  4. mit der Funktion (oder dem Ziel) produzieren, aus Geld (einem Investment, Kapital) mehr Geld (einen Profit, Kapital) „als Selbstzweck“ zu erwirtschaften,
  5. um im Anschluss durch Einsatz von Geld (Profit, Kapital) noch mehr Geld (Profit, Kapital) zu erwirtschaften,
  6. wozu die Produzenten erst im Austausch (nicht in der Produktion) auf dem Markt miteinander in gesellschaftliche Beziehung treten,
  7. wo sie, indem sie einem „fetischistischen Schein“ aufsitzen, Waren als Träger von Wert („Pseudo-Eigenschaft“) und ferner als Preisäquivalente tauschen,
  8. wobei auch Menschen bzw. ihre bereitzustellende Arbeitskraft als Waren auf ( ggf. staatlich regulierten und ggf. von Gewerkschaften begleiteten) Arbeitsmärkten gehandelt werden und einen Preis haben,
  9. weshalb menschliche Arbeit, aufgrund der bestehenden universalen Konkurrenzrelationen zwischen den ansonsten isolierten Produzenten, durch Einsatz von Technik möglichst billig und in der unternehmensinternen und gesamtgesellschaftlichen Tendenz arbeitssparend („effizient“) eingesetzt werden muss,
  10. wobei auch in der Produktion eingesetzte Technik selbst eine übliche Ware im Privatbesitz ist (die als Materialisierung von Wissen mindestens für eine Zeit durch staatliche garantierte Patente von allgemeiner Nutzung ausgeschlossen ist),
  11. zu deren Anschaffung die voneinander isolierten Privatproduzenten als Vorgriffe auf spätere Profite gewöhnlich von einem Bankensystem Kredite aufnehmen, die mit Zinsen später bedient werden müssen,
  12. wobei der Staat nach innen u. a. als Regelhüter und (auch pädagogische) Disziplinierungsinstanz mit Gewaltmonopol, Bereitsteller materieller Infrastruktur und, je nach Epoche, nach außen als übergeordnete Einheit auf dem Weltmarkt auftritt, wozu
  13. der Staat auf die Abschöpfung der Profite durch Steuern angewiesen ist, die zugleich seine Existenzvoraussetzung wie sein oberstes Ziel sind,
  14. weshalb er Wirtschaftspolitik mit dem Ziel betreibt, dass möglichst viel menschliche Lohn-Arbeit (in Warenproduktion) „als Selbstzweck“ verausgabt und in Profite und Steuern umgesetzt wird.

Entgegnungen zu dieser und anderen Ansichten aus der orthodoxen und heterodoxen Ökonomik und der „Linken“ werden wir bei anderer Gelegenheit besprechen. Denn klar ist: Man muss wissen, was man mit „Kapitalismus“ meint, bevor man auf diesen eindrischt oder ihn umarmt. Und jeder versteht darunter etwas anderes, weshalb man den Eindruck nicht los wird, dass man oft aneinander vorbei redet.

Man kann aber fix sagen, dass für das SBK alle diese Punkte negativ oder schlechter bewertet werden müssen, obwohl sie für Kapitalismusfans geradezu als selbstverständlich und positiv, ja gar nicht als diskussionswürdig gelten.

Worum geht es Kurz zufolge im Kapitalismus?

Zuerst geht es ums Geldverdienen (als Selbstzweck). Weil das nur geht, soweit Arbeit vernutzt wird, muss Arbeit verausgabt werden. Und weil beides in menschlichen Gesellschaften nur geht, wenn konsumiert wird, werden Waren als Wertdinge anstelle von Gebrauchsdingen hergestellt, die sozusagen als Kollateralschaden des „warenproduzierenden Systems“ in eine Form von Konsum überführt werden, soweit und nur soweit Nachfrage in Geldform vorliegt. Denn Geld ist nicht nur der Zweck des Ganzen, sondern auch das notwendige Mittel zum Lebensunterhalt der Einzelnen.

Eine Nachfrage im landläufigen Sinne eines Bedürfnisses nach Nützlichem zählt im Kapitalismus bekanntermaßen gar nichts: Man frage die roundabout 800plus Millionen Hungernden in der Welt oder die Kinder, die derzeit für den „Fernunterricht“ eigentlich einen Computer benötigen. Jüngst wurden in den USA Millionen Tonnen an Lebensmitteln vernichtet, weil es keine relevante Nachfrage gab, während andernorts die Menschen in ihren Autos vor Food Banks Schlange standen, weil sie kein Geld für Nahrung hatten. Kilometerlange Schlangen vor Tafeln wurden auch aus Europa berichtet, z. B. Spanien.

„[D]er Zweck der Veranstaltung (im Unterschied zu vormodernen Märkten als Rand- und Nischenformen der agrarischen Naturalwirtschaft) [ist] eben nicht der Austausch von beiderseits benötigten Gütern. Vielmehr steht hinter dem munteren Treiben der formal gleichberechtigten Tauschverhältnisse der irrationale Selbstzweck der ‚schönen Maschine‘, unaufhörlich Geld (ökonomischen Wert, Quanten ‚abstrakter Arbeit‘) aufzuhäufen. Die Marktwirtschaft ist, was gar nicht oft genug betont werden kann, nur eine sekundäre Funktionssphäre der kapitalistischen Selbstzweck-Produktion.“

Folgt man Kurz, gibt es Kapitalismus aka Marktwirtschaft daher auch nicht in der Vormoderne, weil hier für den Gebrauch produziert und ausgetauscht wurde. Eine beliebte Strategie der Kapitalismusapologetik besteht ja darin, ihn zu enthistorisieren und zu behaupten, es habe ihn schon immer gegeben, weshalb es ihn  auch immer geben müsse. Ferner geht es in der Marktwirtschaft eben nicht einfach um den Austäusch von Gebrauchsdingen durch jeweils dafür spezialisierte Produzenten, weil der eine z. B. gut schustern kann und der andere gut tischlern.

Auch Konsum ist also, so Kurz, keineswegs die allererste Funktion des warenproduzierenden Systems aka Kapitalismus, wie es eine modische Idee gerne will, sondern ein „notwendiges Übel“, das allerdings seit den Tagen Henry Fords und etwas später des staatlichen Konsums im Keynesianismus auch dazu eingesetzt wird, wiederum mehr Arbeit und Geld zu generieren.

Wenn heute erneut verschiedene „Kaufprämien“ und besonders die vormalige „Abwrackprämie“ durch die Gazetten gehen, findet der Gedanke zum Teil seine Bestätigung. Ob die Autos der Großindustrie oder auch die Güter aus dem Einzelhandel in der Fußgängerzone wirklich jemand braucht, ist scheißegal, soweit „die Wirtschaft“ dadurch läuft und, wie Kurz polemisch gesagt hätte, „schöne Arbeitsplätze“ dabei erhalten oder geschaffen werden.

Nikolaus Blome, liberal-konservativer Freigeist vom Spiegel, schreibt entsprechend: „Was die Wirtschaft zum Neustart nach Corona braucht, sind nicht weitschweifende Skizzen eines staatlich gelenkten Totalumbaus sondern massenhafter Konsum. Jetzt.“

Da steht auch sofort die Frage hinten an oder stellt sich erst gar nicht, ob der Aufwand von Energie in Zeiten des Klimawandels sinnvoll ist. Und die Frage stellt sich auch nicht, ob die Menschen vielleicht in jener Zeit etwas machen könnten, das sie subjektiv als sinnvoller erleben oder gesellschaftlich betrachtet sinnvoller ist. Denn Arbeit ist – neben dem BIP –  des Kapitalisten liebstes Kind. Ohne kann man Liberalen zufolge ja nicht überleben.

Die Zeit rechnete jüngst vor, dass die privaten Konsumausgaben sich in Deutschland auf 1.744 Milliarden Euro pro Jahr addieren und ein Einbruch von nur 20% angesichts von Einkommenseinbrüchen und Konsumunlust auf 350 Milliarden Euro hinauslaufen, die dann „fehlen“, was dem gesamten Bundeshaushalt entspricht. So könne der Kapitalismus dann wohl nicht überleben.

Dabei steht auch die gewöhnliche Konsumkritik im Hintergrund, die besagt, dass Konsum häufig insofern ein Selbstzweck wird, als er eigentlich gar kein echtes Bedürfnis mehr befriedigt, dass Shopping sozusagen ein Hobby ist wie das Spazierengehen. Diesen Konsum muss man in der politischen Ökonomie des Kapitalismus allseitig befeuern, damit der Selbstzweck des Geldverdienens und des Arbeitens als einzig denkbare Formen des „guten Lebens“ weiterlaufen.

Würden sich quasi-objektive gesellschaftliche Zwänge  in der Alltagsmoral zeigen, wäre dies kaum überraschend. In der Süddeutschen Zeitung heißt es spekulativ: "Corona aber hat die Moralvorstellungen in Sachen Konsum auf den Kopf gestellt: Nichts zu kaufen ist - wenn man zu denen gehört, die Job und Geld noch haben - heute ein Akt mangelnder Solidarität. Wer in diesen Zeiten nichts konsumiert, hilft nicht. Der lässt seine Mitmenschen allein mit all ihren Ladenmieten und Lagerbeständen und das wiegt, zumindest im Augenblick, schwerer als die Frage, wie diese Lagerbestände mal transportiert worden sind (Stinkerschiff aus China? Stinker-Lkw über den halben Kontinent?) und wie viele Tonnen Müll sie noch verursachen werden." 

Produktion zur Befriedigung von Bedürfnissen vorzunehmen, sei eigentlich ein vormodernes Phänomen, so Kurz. Zum Beispiel in der bäuerlichen Subsistenzwissenschaft oder genossenschaftlich organisierter Produktion im Zunftwesen, in der man z. B. auch darauf achtete, dass jeder auskömmliche Nahrung hatte, wozu man Zugang und eingesetzte Technik beschränkte.

Das SBK versucht daher auch nachzuzeichnen, wie die Menschen und, auf lange Sicht, die Menschheit in diese neue Form gesellschaftlicher Reproduktion vornehmlich im 18. und 19. Jahrhundert „hineingefoltert“ wurden, bis sich gegen Ende des Jahrhunderts und spätestens nach dem 1. Weltkrieg niemand mehr etwas Anderes, zumal Schöneres, vorstellen konnte, als sich ein Leben lang als Arbeitskraft zu verkaufen.

Zu den frühen Sozialrevolten der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert heißt es:

„[E]s wird von den meisten wohl nur noch kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, dass Menschen lieber hungern und revoltieren, als sich einem kapitalistischen ‚Arbeitsplatz‘ anzubequemen.“

Niedergemetzelt wurden sie dafür auch. Die Toten des Kapitalismus zählt das Buch im Unterschied zum Schwarzbuch des Kommunismus zwar nicht, lässt aber die Meinung durchblicken, dass ihre Zahl dann doch weitaus höher ist als jene 100 Millionen von Realsozialismus/Kommunismus.

Ab 1:01:00 äußert sich Richard Wolff, darauf angesprochen, zur Frage der Todesopfer von Kapitalismus und Sozialismus.

Warum ist Kapitalismus schlecht?

An dieser Stelle sollte man versuchen, nicht durcheinander zu mischen, aus welchen Gründen der Kapitalismus entweder als gut oder auch als schlecht beurteilt wird.

Eine Ebene betrifft beispielsweise den Output des Systems, seine materielle Bilanz. Klimaaktivisten könnten sagen, der Kapitalismus sei schlecht, weil er die Kapazitäten des Planeten nachhaltig übernutzt und zerstört. Kapitalismusfans können auf das „Wachstum“ der nationalen BIPe oder des Welthandels verweisen, um seine Güte zu belegen. „Linke“ Kritiker könnten sagen, er sei schlecht, weil die resultierende Verteilung der Güter ungerecht ist, entweder in Relation zum Nationalstaat oder global, wohingegen „rechte“ einwenden könnten, dass dies bloß den gerechten Erfolg innerhalb der Marktkonkurrenz spiegelt. Man könnte auch auf die Idee kommen, ihn nur für diejenigen als schlecht oder gut zu erklären, die ihn subjektiv als solches erachten. Die Beurteilung wird dann relativ, steht aber als offene Strategie nicht zur Verfügung, solange es um die ganze Wurst gehen soll.

Kurz geht es allerdings zuallererst um viel Grundsätzlicheres, das vom Output vollständig unabhängig ist. Die Basis der Kritik ist zunächst eine Philosophie.

Sie steckt hinter den Thesen, dass der Kapitalismus strukturell die Freiheit aller Menschen verunmöglicht und als Produktionsregime vollkommen verrückt oder, wie er häufig schreibt, wider die Vernunft ist, selbst wenn die Menschen das nicht merken und genau das Gegenteil behaupten.

Freiheit gibt es dem SBK zufolge im Kapitalismus keine, auch nicht für diejenigen, die aus anderen Perspektiven als Gewinner erscheinen, weil der ganze Zweck der Veranstaltung in niemandes Hand mehr liegt, sobald ein gewisses Maß kapitalistischer Vergesellschaftung erreicht ist, auch weil über gesellschaftliche Bedürfnisse und die Art ihrer Befriedigungen nicht mehr direkt kommuniziert werden kann.

Ist die Gesellschaft, zumindest jenseits der Sphäre häuslicher Reproduktion, eine vollkommen warenförmige geworden, ist jedes Gesellschaftsmitglied gezwungen, für seinen Lebensunterhalt irgendwie Geld zu verdienen oder aus bereits in Besitz befindlichem Geld mehr Geld zu machen. Tut er das nicht, muss er oder sie (ceteris paribus) verelenden oder verhungern, d. h. eine echte Wahl bleibt nicht.

Verrückt und widervernünftig ist für Kurz hier bereits, dass eine Zweck-Mittel-Umkehr stattfindet. Das Geldverdienen wird zum eigentlichen Zweck des Handelns der Individuen und ihrer Vergesellschaftung, obwohl es Menschen ursprünglich darum ging, andere Bedürfnisse zu stillen.

Dazu müssen sich Besitzer von Arbeitskraft genauso wie Besitzer von Geldkapital dann auch den aktuellen Bedingungen des Marktes und dessen Konkurrenzverhältnissen, heute häufiger im Weltmaßstab, anpassen, wie Liberale sagen würden, oder, nach Kurz, bei Strafe des Untergangs unterwerfen. So kann es dann gar so erscheinen, als herrsche das Geld, dessen prozessieren, gemessen im BIP, zum Selbstzweck geworden ist, über die Menschen, die es eigentlich herumtragen. (Glaubt man einem Zitat im Freitag, dann spricht auch von Hayek, einer der Gründerväter des Neoliberalismus, von „unterwerfen“.)

Die Kehrseite der Privatisierung der Welt, in der die „fetischistische“ Warenform der Dinge und die Trennung der Menschen von den Mitteln ihrer selbstbestimmten Produktion laut Kurz stecken, habe als Kehrseite die Lohnabhängigkeit aller, die ansonsten eben nicht selbstverständlich oder irgendwie natürlich ist. Selbst wenn sich die Bürger des demokratischen Kapitalismus über die Welt und ihre Gestaltung dann mal austauschten – was bekanntlich ein alles in allem eher rares Vorkommnis ist –, seien sie so „von systemischen Imperativen bestimmt, über die sie keine Gewalt haben“.

Dieser Imperativ ist in anderen Worten die „Alternativlosigkeit“, von der jeder Zeitungsleser seit 20 bis 40 Jahren heimgesucht wird. Kurz zufolge fungiert die Mehrheit der Bürger in der Demokratie ohnehin nur als „passives Stimmvieh“ im „Multiple-choice-Verfahren“ des Immergleichen, wobei die Politik ohnehin immer nur den vorausgesetzten Regeln des Geldverdienens folge, die von Liberalen als Naturgesetze verkauft werden.

Die Alternativlosigkeit im System zeigt sich handfest darin, dass trotz immens steigender Produktivität etwa Löhne sinken, sogenannte Sozialausgaben als unfinanzierbar gestrichen werden, was dann sogar jene Parteien beschließen, welche die Betroffenen vermeintlich zum Klientel haben. Es muss halt sein, sorry. In der Tagesschau durfte ein gewöhnlicher Wirtschaftslobbyist jüngst zur möglichen gesetzlichen Einforderung der Einhaltung der Menschenrechte durch deutsche Firmen entlang der internationalen Lieferketten verkünden, dies seien „Belastungen“, die man Unternehmen gerade jetzt nicht zumuten könne (obwohl andere sie natürlich freiwillig einhalten), den entlang dieser Ketten lebenden und arbeitenden freilich schon, sorry. Wie die Erzählung hier weiter gehen würde, überlasse ich dem Leser.

Im Alltagsleben kennt jeder, fast jeder, ähnliche kleine oder größere Alternativlosigkeiten, die es im Rahmen der Verhältnisse hier auch tatsächlich sind, von der Krankenversicherung über die Miete bis wer weiß wo. David Harvey schreibt etwa aus US-amerikanischer Perspektive:

“Ask any student who owes $200,000: their future is foreclosed, because they’ve got to pay off that debt. This foreclosure of the future is a terribly important part of what Capital is about.”

Dasselbe gilt natürlich auch für jeden Unternehmer, ob klein oder groß. „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, zitiert Kurz Hegel. Novara Media zitiert George Orwell:  „the capitalist system presents us with two options: ‚serve the money god or go under.’”

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Dass an dieser Stelle keine Rolle spielt, was die Menschen von ihrem Tun und Lassen selbst denken, ob sie sich also als frei und vernünftig erachten und mit ihrer irgendwie verstandenen Freiheit zufrieden sind, klingt natürlich schnell elitär und überheblich. Ist es sicherlich oft auch. Ganz ohne kommt kritisches Denken jedoch nie aus, da auch die Unterdrückten gerne ihre Unterdrücker lieben, bevor ihnen jemand etwas Neues erzählt.

Weil das Subjektive nicht zählt, fällt es Kurz zum Beispiel nicht ein, dass immerhin einige, wie viele das auch immer sind, Spaß an dem haben, was sie durchaus im Rahmen eines Unternehmens oder der „kapitalistischen Form“ der Lohnarbeit on the job tun. Dadurch ergibt sich das leicht paradoxe Phänomen, dass dieselben Tätigkeiten sofort ins Gute gewendet würden, wenn eine Revolution jene „Form“ abschaffte, sich sonst aber gar nichts oder nicht viel ändert, die Menschen mehr oder weniger noch immer dasselbe tun. Vielleicht überzeugt diese allgemeine („kategoriale“) Arbeitskritik daher nicht jeden, obwohl jeder versteht, dass Sklavenarbeit für den Herren etwas gänzlich anderes ist als dieselbe Tätigkeit für den Eigenbedarf oder das soziale Ganze, da sie mit diesem Wechsel auch kaum noch dieselbe Tätigkeit ist.

Man darf sich nicht täuschen lassen. Auch unter dem Teppich der Gegenseite krümeln vielfältige philosophische Ideen vor sich hin, bloß andere, die zudem offensichtlich eher dem Common Sense entsprechen und daher weniger auffallen. Auch sie verbürgen, dass unabhängig vom Output des Systems oder dem subjektiven Befinden seiner Mitglieder behauptet werden kann, es sei das beste.

Besteht nicht Freiheit darin, isoliert von anderen vor sich hin zu produzieren und zu verkaufen, denn alles andere ist doch Sozialismus? Ist der Mensch nicht von Natur aus egoistisch, auf seinen individuellen Vorteil bedacht? Würden Menschen nicht ohne Notwendigkeit zur Lohnarbeit nichts tuend und faul der Verlockung des Müßiggangs erliegen und vor sich hinvegetieren? Gäbe es nicht ohne Konkurrenz überhaupt keine technische Entwicklung? Ist es nicht bloß gerecht, dass die Früchte der Arbeit ungleich verteilt und als Kredite weitergegeben werden? Warum sollte zumindest der Blueprint von Produktionstechnik einfach jedem zur freien Nutzung zur Verfügung stehen? Was sollte Wohlstand anderes sein als Geldbesitz?

Mit erschauderndem Vergnügen zitiert Kurz den Katechismus des (Neo-)Liberalismus quer durch die Parteien und Geistesströmungen über 5 Jahrhunderte. Versatzstücke davon findet man in vielen Kinderbüchern.

Das SBK ist eigentlich weniger eine „wirtschafts- und sozialgeschichtliche Rekonstruktion des Kapitalismus“, wie ein Rezensent schrieb, sondern eine gnadenlose und teilweise auch ermüdende Ideologiegeschichte der Normalität des Denkens. Über die „marktwirtschaftliche Ideologie des sogenannten Liberalismus“ heißt es zum Beispiel dann:

„Schon der Name ist nicht allein irreführend, sondern geradezu eine perfide Verdrehung. Denn diejenige Betätigung und Mentalität, die bis dahin bei allen Völkern und Zeiten als eine der niedrigsten und verächtlichsten gegolten hatte, nämlich die Verwandlung von Geld in mehr Geld als Selbstzweck, die darin eingeschlossene abhängige Lohnarbeit und damit die unaussprechliche Selbsterniedrigung des Sichverkaufen-Müssens, wurde zum Inbegriff menschlicher Freiheit umredigiert. Diese Besudelung des Freiheitsbegriffs, die im Lobpreis der Selbstprostitution gipfelt, hat die erstaunlichste Karriere in der Geschichte des menschlichen Denkens gemacht.“

Kurz nennt es wahrhaft unergiebig, mit Liberalen über Freiheit zu diskutieren. Klar, das liegt daran, dass sie eine fundamental andere Vorstellung von Freiheit oder „sozialer Freiheit“ haben. Für Libertäre besteht Freiheit im In-Ruhe-Gelassen-Werden. Freiheit ist asozial. Für gemäßigtere Liberale besteht sie darin, sich auf eine Handvoll Regeln zu einigen und eine Garde zur Sicherung ihrer Einhaltung zu legitimieren und bereitzustellen („law and order“), um dann in Ruhe gelassen zu werden. Wenn dabei dann Ungleichheiten herauskommen, dann ist das bloß fair, also gerecht, und nicht zu ändern.

Für Kurz kann Freiheit demgegenüber einzig darin bestehen, dass sich alle Gesellschaftsmitglieder diskursiv über das Verhältnis von Produktion und Konsum auseinandersetzen, vor dem Hintergrund einer Debatte über Bedürfnisse zu diskutieren, was auf welche Art und Weise produziert wird, z. B. auch vor dem Hintergrund ökologischer Bedenken und Erwägungen.

Darunter würde auch fallen, welche Technik zur Produktion herangezogen wird und welche nicht, statt dies isolierten betriebswirtschaftlichen Kalkülen unter den Bedingungen der Konkurrenz zu überlassen. Letzteres führe erstens dazu, dass Gebrauchsgüter überhaupt nicht im möglichen Umfang hergestellt werden, weil die Technik im Rahmen des Kapitalismus weder finanzierbar noch profitabel eingesetzt werden kann (so z. B. verbreitet in der industriellen Wüste der südlichen Hemisphäre, die dann auf die Strategie des Extraktivismus, die Ausbeutung der Natur, setzen müssen), und zweitens dazu, dass Produktivitätssteigerungen nicht in freie Zeit (Freiheit) für alle, sondern lebenslange Vollzeitbeschäftigung für wenige sowie „Arbeitslosigkeit“ und Armut für viele werde.

Mögliche negative Begleiterscheinungen einer solchen Debattenkultur werden leider nicht diskutiert.

Es gibt im Kapitalismus Kurz zufolge also schlicht nichts, was „Freiheit“ genannt zu werden verdiente, weil der Zweck der Veranstaltung und damit die Ziele des Handelns schon feststehen. Kapitalismus ist nicht nur deshalb verrückt oder widervernünftig, sondern auch, weil der Zweck letztlich in Selbstzweckproduktion um des Geldverdienens willen besteht und für jeden vormodernen Menschen die Güterordnung auf den Kopf gestellt hat. Mit Günter Anders heißt es:

„Aber während früher das Ziel der Arbeit darin bestanden hatte, Bedürfnisse durch Erzeugung von Produkten zu befriedigen, zielt heute das Bedürfnis auf Arbeitsplätze; Arbeitsbeschaffung wird zur Aufgabe, Arbeit selbst wird zum herzustellenden Produkt […].

Noch immer sind die ideologischen Differenzen hier unüberbrückbar. Wahrscheinlich existieren sie nur nicht mehr, weil eine Kurzsche Position noch weniger präsent ist als vor 20 Jahren. Es verwundert nicht, dass ein Rezensent in der FAZ dem Autor des SBK damals bierernst entgegnete: „[W]elches Wirtschaftssystem schafft so viele Arbeitsplätze, die sich am Markt behaupten können, ohne dass es sich um verdeckte Arbeitslosigkeit handelt?“

Öffentliche Stellen messen dieser Philosophie entsprechend in einer Zeit, in der Roboter aller Art die industrielle Produktion, IT-Technik Dienstleistungen aller Art übernehmen und alle Welt über AI schwadroniert das ungenutzte „Arbeitskräftepotenzial“ der Bevölkerung, mit dem politischen und allseits geteilten Wunsch nach Vollbeschäftigung im Hinterkopf.

Dass man vielleicht gar nicht auf vieles verzichten müsste, wenn man statt dessen das Freiheitspotenzial messen würde, weil vieles schlicht niemand ernsthaft braucht, hat ja der Shutdown jüngst zumindest aufschimmern lassen, freilich nur im „Westen“ (siehe 75% der Berufe sind nicht systemrelevant).

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Wie schneidet der Kapitalismus ab, wenn dessen Output und die Lebensumstände der Menschen berücksichtigt werden?

Zur Historisierungsleistung des SBK gehört nicht nur die „Konstitutionsgeschichte“ dieser Gesellschaftsform, also die Entstehung des warenproduzierendes Systems, sodass ihre vermeintliche Alternativlosigkeit destruiert wird, sondern auch die These, dass der Kapitalismus aka Marktwirtschaft sein Wohlstandsversprechen, also das auch oben zu findende Wohlstandsversprechen liberaler und neoliberaler Denker, so gut wie nie eingelöst hat.

Die Frage könnte heute als erledigt gelten, wenn man es zulässt, in Betracht zu ziehen, dass diese Gesellschaftsform es in kaum mehr als einem Jahrhundert ihrer Verbrennungshochphase fertiggebracht hat, die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten an den Rand des Abgrunds zu befördern.

Zur Effizienz des Kapitalismus heißt es:

„Heute noch arbeiten die Lohnabhängigen trotz aller mühselig errungenen Arbeitszeitverkürzungen (die gegenwärtig schon wieder zurückgenommen werden) selbst in den kapitalistischen Kernländern länger und intensiver als die meisten Leibeigenen des Mittelalters.“

Belegt wird dies mit den Thesen des Historischen Soziologen Immanuel Wallerstein, der berichte, dass im mittelalterlichen England ein Arbeitstag „von Sonnenaufgang bis Mittag ging“. Aus einem Erlass aus dem Jahr 1300 gehe hervor, dass „die Schichtdauer im böhmischen Bergbau täglich 6 Stunden betrug“. Dem Sozialhistoriker Wilhelm Abel wird entnommen, dass Bauhandwerker im Spätmittelalter in den Genuss von zwei Feiertagen kamen, wohingegen sie 300 Jahre später einen Tag mehr arbeiten und aufgrund sinkender Löhne andere Tätigkeiten hätten aufnehmen müssen. Nennen wir dies das frühneuzeitliche Prekariat, befinden wir uns fast in der Gegenwart.

Schon im Frühkapitalismus ist damit die Bilanz negativ, vertraut man den eher verstreuten Belegen und zitierten Historikern. Auch die Reallöhne sind Wallerstein zufolge in der Epoche keineswegs gestiegen. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Stand erreicht, den es bereits im 14. Jahrhundert gab, und er war geringer als im 15. Jahrhundert.

Die weitere Entwicklung wird stellenweise in Entsprechung zu dieser Tabelle gedeutet:

„Die wenigen Episoden relativer Prosperität, an die sich heute die westliche Erfahrung klammert, haben stets nur gemildert und zu einem bescheidenen Teil wiedergutgemacht, was Marktwirtschaft vorher selber an Elend und Katastrophen erzeugt hat.“

Vor diesem Hintergrund würde es nicht verwundern, wenn Verteidiger des Kapitalismus die Betrachtungszeiträume entsprechend zurechtrücken. Wird der Zeitraum in obiger Tabelle z. B. auf den letzten eingeschränkt, sieht es plötzlich sehr positiv aus. Wir sehen einen ganz wunderbaren und signifikanten Anstieg der Löhne. Vielleicht nicht zufällig haben wir zu Anfang gesehen, dass ein Verteidiger den Betrachtungszeitraum kapitalistischer Glorie nach dem Jahr 1800 beginnen lässt.

Interessanterweise findet sich in David Harveys „Kleine Geschichte des Neoliberalismus“ zu den auch von Zitelmann oben angeführten Daten: „Überdies zeigen fast alle globalen Indexzahlen über Gesundheitszustand, Lebenserwartung, Kindersterblichkeit und so fort, dass sich die Situation seit den 1960er-Jahren eher verschlechtert als verbessert hat. Gesunken ist allerdings der Anteil der Armen an der Weltbevölkerung, aber das erklärt sich fast ausschließlich aus der Entwicklung in Indien und China.“

Dieselbe wenig schmeichelnde Entwicklung gilt Kurz zufolge allerdings auch für das 19. Jahrhundert, in dem die Arbeitszeiten wieder stiegen und die Verelendung zunahm. „Pauperismus“ ist das Schlagwort. Bis zum ersten Weltkrieg sei der Zugewinn einer von Massenelend zu Massenarmut gewesen. Auf diesen bescheidenen Anstieg folgten dann schnell die nächste Weltwirtschaftskrise, die Kriegswirtschaft des Nationalsozialismus, und dann das erneute Massenelend des 2. Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Über den kurzen Sommer des „Wirtschaftswunders“ heißt es:

„Im nachhinein betrachtet ist es fast unglaublich, wie kurz eigentlich die historische Zeit der tatsächlichen Prosperität nach dem Zweiten Weltkrieg war, in der die Parole des westdeutschen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard (1897-1977) vom ‚Wohlstand für alle‘ zwar nicht als umfassende Realität, aber doch als Perspektive in einem konsumkapitalistisch kontaminierten Sinne wenigstens für die Bevölkerungsmehrheit in den westlichen Zentren gelten konnte.“

Doch auch aus jenen Wundertagen werden zeitgenössische Erhebungen genannt, welche die Armut auf etwa 20% beziffern. Daraufhin wird die weitere Entwicklung im 20. Jahrhundert vornehmlich anhand von Arbeitsmarktstatistiken skizziert, die Kurz, wie sonst auch jeder, für systematisch „frisiert“ hält.

Ende der 90er Jahre war dann bereits wieder die Massenarbeitslosigkeit präsent, worauf der Neoliberalismus mit seiner Forderung nach Flexibilisierung und Sozialabbau die Antwort hatte. Laut statistischem Bundesamt war deren Höhepunkt jedoch im Jahr 2005 mit „frisierten“ 4.860.909 Millionen und ist dann im Jahr 2019 auf „frisierte“ 2.266.720 gefallen.

Hier müsste man nun sicherlich berücksichtigen, wie viele Menschen im Billiglohnland Deutschland ins Prekarität der Billigjobs gezwungen worden sind oder sich durch die Hartz-Reformen schlicht nicht arbeitslos melden, um sich irgendeinem realistischen Bild überhaupt zu nähern. Und die Lohnentwicklung allgemein wäre interessant, heißt es doch bezogen auf die USA, die durchschnittlichen Reallöhne seien dieser Tage so hoch wie vor 40 Jahren und in GB habe sich der Lebensstandard vom Beschäftigungswachstum entkoppelt. Das heißt in klareren Worten: Die arbeitenden Armen des 19. Jahrhunderts sind zurück, bekanntlich als „Aufstocker“ auch in Deutschland.

Aber erstmal – so betrachtet – ist dies zunächst ein Rückgang oder „Boom“, wie er in der Presse genannt und regelmäßig gefeiert wird, auch wenn diese Feier durch Verschleierungen recht offenkundig ideologische Schlagseite hat. Nils Heisterhagen nimmt in seinem Buch „Die liberale Illusion. Warum wir einen linken Realismus brauchen“ (Dietz Verlag 2018) die Arbeitsmarktzahlen auf, um die verbreitete Annahme ins Spiel zu bringen, ein Meckern verbiete sich eigentlich, zumindest im Vergleich mit anderen Ländern: „Der Neoliberalismus funktioniert doch“. Daraufhin führt er eine Millionen Leiharbeiter an sowie den weiteren Umstand, dass die sogenannte „atypische Beschäftigung“ aus Teilzeit, Leiharbeit und Mini-Jobs auf einem Höchststand ist, regional teilweise 50% ausmache, 45% der Neueinstellungen 2015. Daraus folgert Heisterhagen: „Das Bild, dass alles gut ist in Deutschland, stimmt also nicht – wenn die Hälfte keine gute Arbeit ist.“

Von jener „guten Arbeit“ wird auch im US-amerikanischen Kontexts der „Deaths of Despair“ geschrieben – und von der allgegenwärtigen Angst, sie – oder auch die schlechte – in der allgemeinen Konkurrenz mit anderen oder der Technik zu verlieren. „Fast zehn Prozent der Berufstätigen in Deutschland sind trotz regelmäßiger Arbeit als arm einzustufen“, so Heisterhagen. Im Jahr 2017 hatten 3,3 Millionen Menschen mehr als einen Job. Bei Heisterhagen findet sich auch folgende unglaubliche Zahl: „Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren sogar im Jahr 2016 860.000 Menschen wohnungslos – sprich obdachlos.“

Am Rande: Auch für Heisterhagen, der unterschiedliche Formen des Liberalismus kritisiert, gilt: „Teilhabe an Kultur und Arbeitsmarkt ist ein Wert an sich.“ Die Ablehnung der universellen Arbeitsmoral identifiziert er offenbar mit etwas, das er „Hedonismus“ nennt. „Wenn der Hedonismus jemals wirklich umfassend gewinnt, dann ist das das Ende des Abendlandes. Insofern: Menschen in Arbeit zu bringen – und nicht in irgendwelche, sondern in gute Arbeit – ist ein Ziel für sich.“

Die weitere Frage wäre dann natürlich, was „gute Arbeit“ meint und überhaupt Arbeit ist. Schaut man genauer hin, ist plötzlich jede Tätigkeit irgendwie Arbeit (z. B. ein Gedicht zu schreiben, eine Rede halten, Säuglinge stillen etc.), selbst wenn niemand mehr eine Arbeit hat: „Vielleicht kommen wir irgendwann in einem roboterisierten und automatisierten ‚Reich der Freiheit‘ an, wo im Prinzip die Menschen komplett von der Arbeit befreit wären – ohne jedoch aufzuhören zu arbeiten und produktiv zu sein.“ Was ist für Heisterhagen, der ebenfalls wider das Ende der Geschichte eine neue (vermutlich retro-sozialdemokratische) Kapitalismuskritik will, der Kapitalismus? Das sagt auch er nicht.

Kurz gesagt: Die positive oder negative Bewertung von einem Zustand hängt von weiteren Annahmen natürlich ab, wie wir nun wissen, zudem hängt die Plausibilität der Bewertung von der Differenziertheit der Erhebung jenes Zustands ab.

Und da liegt ein Haken, einer von vielen. Man müsste sich zur Beurteilung des Kapitalismus und seiner Geschichte zunächst darauf einigen, welche Fakten oder sozialen Indikatoren empirisch erfasst werden sollen, von denen man dann auch einen möglichst umfassenden Bestand erheben müsste. Gewöhnlich wird dieser nicht geliefert und man redet mit unterschiedlichen Zahlen aneinander vorbei.

Zum Beispiel erweckt der Kapitalismusverteidiger Rainer Zitelmann oben – sicherlich unfreiwillig, obwohl Kurz sagen würde, dies entlarve den liberalen Geist – den Eindruck, ein gutes Leben reduziere sich auf das Überleben, wird doch als Maßstab auf absolute Armut, Müttersterblichkeit sowie die Lebenserwartung verwiesen. Die Arbeitslosenstatistik würde im Rahmen eines solchen Denkens auch unumwunden als Fortschritt deklariert, denn was soll man wünschen außer Arbeit? Und natürlich hängt eine Beurteilung auch davon ab, wie man es mit Ungleichheit hält, denn dann zählen Arbeitslose oder Arme unter Umständen ohnehin nicht. Heisterhagen führt eine OECD-Studie an, der zufolge die unteren 60% der Bevölkerung in Deutschland lediglich 6% des Nettohaushaltsvermögens besitzen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung für das Jahr 2014 besaßen die 45 reichsten Haushalte in Deutschland so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Oxfam berichtet regelmäßig über die strukturell ähnlichen Zahlen im Weltmaßstab.

Letzteres erinnert an eine Argumentationsstrategie der Kapitalismus- und Globalisierungsverteidiger, die in allen Zeitungen zu finden ist. Der behauptete Anstieg des globalen Wohlstands wird mit dem Rückgang der globalen Ungleichheit belegt (die armen Länder holen gegenüber den reichen Ländern etwas auf, was noch nichts über das Niveau aussagt), während mindestens verschwiegen wird, dass die Ungleichheit innerhalb der Länder, so gut wie überall auf dem Planeten, auch unter den vermeintlichen Gewinnerländern, krass zunimmt.

Im Podcast Citations Needed (siehe unten), wird das Argumentationsschema als „neoliberale Optimismusindustrie“ oder „optimism porn“ beschrieben, die auf einer einseitigen Auswahl von Daten beruhe, aber seit Jahren zunehmend Teile der Medien beherrsche. Man könnte sagen: Mit zunehmender Krise des Kapitalismus wird der Fortschritt offenbar kurzatmiger gepriesen oder beschworen. Als Musterknabe diesbezüglich gilt Steven Pinker, der auch von Zitelmann bemüht wird.

Auch das SBK liefert diesbezüglich keine sonderlich umfassende Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Kapitalismus und ist daher zur Beurteilung auch nicht hinreichend. Auch die umfassende Perspektive auf das Weltsystem konnte es (natürlich) nicht liefern.

Nach wie vor legt es aber den Finger in einige tiefe Wunden. Jason Hickel zeigt in seinem Buch „Die Tyrannei des Wachstums“ (dtv 2018) ganz auf der Linie des SBK auf, wie offizielle Institutionen weltweit die globale Armut verzerren und kleinreden, indem z.B. die Armutsgrenze etwas über einem Dollar pro Tag angesetzt wird, die gerade so zum schlechten Überleben reicht, oder nur derjenige zu den Hungernden gerechnet wird, der ein ganzes Jahr gehungert hat, nicht aber jene, die 11 Monate oder 6 gehungert haben. Nach der Präsentation der schlagenden Einwände hiergegen schreibt Hickel:

„Was wäre, wenn wir diese Einwände ernst nehmen und die globale Armut bei einem Minimum von fünf Dollar pro Tag erfassen würden? Dann würden wir feststellen, dass etwa 4,3 Milliarden Menschen in Armut leben. Das ist mehr als das Vierfache dessen, was Weltbank und Millennium-Kampagne uns glauben machen wollen. Es wären über 60% der Weltbevölkerung. Und noch wichtiger: Wir würden sehen, dass die Armut im Laufe der Zeit immer schlimmer wird. Selbst wenn China mitgezählt wird, würden wir sehen, dass seit 1981 etwa eine Milliarde Menschen zu der Gruppe hinzugekommen sind, die von extremer Armut betroffen ist.“

Ein wahres Wohlstandswunder. 5 Dollar reichen ungefähr dafür, den Nahrungsbedarf zu decken und die Säuglingssterblichkeit überall auf den weltweiten Durchschnittswert zu bringen, der noch immer fünfmal höher liegt als in den sogenannten entwickelten Ländern.

Zur kritischen Beurteilung dieser Fakten oder Indikatoren jenseits ihrer „positivistischen“ Erhebung braucht man dann in der Debatte über den Kapitalismus, soweit sie aufs Ganze gehen und vieles in Betracht ziehen will, eine Vorstellung davon, was gut ist und was nicht. Die nächste Frage ist dann, ob und inwieweit wer sich auf solche Maßstäbe einigen kann, nämlich solche eines guten Lebens in einer guten Gesellschaft. Zudem muss man sich darauf einigen, wo „das Ganze“ zu finden ist. Natürlich ist dies schon lange das Weltsystem und nicht eine von dessen Provinzen. Natürlich wird aus ideologischen Gründen im „Westen“ oder „Norden“ diese Perspektive normalerweise nicht eingenommen.

(Bemerkenswert ist das konservative Narrativ der Globalisierungsapologie, demgemäß man nationale Ungleichheiten und Zumutungen für Millionen ertragen und auch hier das System unangetastet lassen soll, weil das Gesamtsystem angeblich zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen beitrage. Allerdings liegt die Schwierigkeit der Auseinandersetzung natürlich auch darin, dass z.B. ein Rückgang der Zahl derjenigen, die von weniger als 1,x$ Dollar leben, eine Verbesserung ist. Es hängt dann von vielerlei ab, was betont wird und ob neben schwarz und weiß grau eine Perspektive markiert, die haltbar ist. Zum Beispiel findet man im Konstruktiven Journalismus häufiger die Betonung des vermittelnden Grauen.)

Genau da liegt aber offenbar der grundlegende Dissens, wenn man derzeit im Blätterwald vom Kapitalismus hört und sich dabei normalerweise in alte Schützengräben eingräbt, z. B. irgendeine krude Opposition von Liberalismus und Staatsvergötterung. Zur Kultur des Neoliberalismus gehört offenbar, dass man über so etwas nicht reden kann und will.

Interessant ist freilich, dass dieser diffuse Dissens offenbar in der Weltbevölkerung vernehmbar an die Oberfläche der Alternativlosigkeit drängt und offen ist, was daraus wird.

Wie sieht der Post-Kapitalismus aus und wie kommt man da hin?

Die Kritiker der Kapitalismuskritik haben oftmals Recht, dass über die Alternative wenig oder nichts zu erfahren ist. So ist es auch im SBK. Hier ging Kurz auch nicht über das hinaus, was bereits Marx zum Kommunismus sagte, nämlich so gut wie nichts.

Der Autor versteckte sich in einem kurzen Epilog hinter dem Gestus, dass alles eigentlich ganz einfach sei, um nicht sagen zu müssen, wie es denn konkret funktionieren könnte.

„Es handelt sich weder um ein materielles noch um ein technisches oder organisatorisches Problem, sondern allein um eine Bewusstseinsfrage.“

Rezepte könne es nicht geben, weil damit auch der echte emanzipatorische Anspruch direkt konterkariert sei, der am Beginn einer neuen Geschichte ja nur darin bestehen kann, gänzlich Neues zu entwickeln. Dennoch heißt es: „Die Aufgaben, die gelöst werden müssen, sind von geradezu ergreifender Schlichtheit.“

Sie sind eigentlich nichts anderes als die philosophischen Grundlagen der Kritik ins generisch Positive transformiert:

(1) Es müssten die „real und in überreichem Maße vorhandenen Ressourcen an Naturstoffen, Betriebsmitteln und nicht zuletzt menschlichen Fähigkeiten“ für „ein gutes, genussvolles Leben“ für alle genutzt werden.

(2) Sinnlose „Pyramidenprojekte und Zerstörungsproduktionen“ müssten eingestellt werden.

(3) Statt die mikroelektronischen Produktivkräfte in Massenarbeitslosigkeit und Arbeitshetze umzusetzen, wäre es angezeigt, sie in „eine ebenso große Muße für alle zu übersetzen“.

(4) Der benötigte Bewusstseinswandel bestehe darin, den geheiligten Dreischritt von Arbeit als Warenproduktion, Geldeinkommen und Konsum gemäß Geldbeutel, letztlich jede Frage nach der Finanzierbarkeit, aus dem Denken zu verbannen.

(5) Die institutionelle Lösung sind Räte, d.h. „beratende Versammlungen aller Gesellschaftsmitglieder, auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Reproduktion“, auf der Basis der zeitgenössischen Technik der mikroelektronischen Revolution.

„Genau darum geht es: alles zu bereden und abzuwägen, statt sich einer blinden und zerstörerischen abstrakten Leistungsmaschine zu unterwerfen und als deren Rädchen zu funktionieren.“

Nun wird man sagen, dass die Stilllegung sinnloser Tätigkeiten, also solcher, die einzig im Rahmen kapitalistischer Wirtschaft „systemrelevant“ sind, nicht aber im Hinblick auf „echte“ Bedürfnisse, sicher leicht möglich wäre und ordentlich Personal und Zeit freisetzte, soweit man sich über die Nutzlosigkeit einig wäre. David Graeber zufolge glauben ca. ein Drittel der „Werktätigen“ ohnehin, dass sie einen gesellschaftlich nutzlosen Bullshit-Job verrichten. Diese würden sich also schon mal freiwillig melden. Es ist auch noch erwartbar, dass sich die Arbeitszeit in manchen Bereichen leicht reduzieren und auf mehrere verteilen ließe. Andernorts könnte es bereits schwieriger sein.

Aber ohnehin gilt: Für irgendeinen Reformismus ließ Kurz keinen Raum, sodass der politische Spielraum eng umgrenzt bleibt, obwohl das Feld für Aktivismus unbegrenzt ist. Das Biest muss auf einen Schlag erledigt werden, ansonsten verbleibt die Revolte im Witz von David Graeber:

Was sagt die Maus, wenn sie von der Schlange aufgefressen wird? ‚Ich habe versucht, das System von innen zu verändern!‘“

Das Buch endet also mit der TAIP-Erleuchtung (There Are Immense Possibilities), nachdem TINA (There Is No Alternative) historisch und philosophisch destruiert oder zumindest entzaubert worden ist. Das führt aber zur praktischen Alternativlosigkeit und der offenen Resignation, dem Rückzug in die innere Emigration des emanzipatorischen Gedankens („Die Gedanken sind frei, auch wenn sonst gar nichts mehr frei ist.“), weil der revolutionäre Umschlag der Verhältnisse, das Auf-links-Drehen sozusagen, beinahe vollständig außerhalb des Realistischen liegt.

Jede Form einer systemischen, an mehreren Schrauben gleichzeitig drehenden Politik innerhalb des Systems, welche das Biest auf diese weise transformiert und nicht direkt killt, ist nicht vorgesehen. Es muss eine komplette Revolution her, ansonsten bleibt letztlich nur die Verweigerungshaltung.

Wenn man so will, dann bietet die aktuelle Vorstellung des Champagnerkommunismus (siehe hier) zwar einige politische Maßnahmen im britischen Umfeld, von denen aber unklar bleibt, wie sie zur Realisierung der Vision führen könnten, wohingegen Kurz die Revolution als radikalen Akt ins Spiel bringt, von der aber unklar bleibt, wie sie wohin grob oder genau führen würde.

Das von Kurz angedeutete Dilemma ist somit offenbar real. Wird organisatorisch zu viel als Plan für die Transformation vorgegeben, wobei notwendigerweise auf das Denken (Wissen plus Unwissen) der Gegenwart zurückgegriffen werden muss, dann droht der Fall, dass zwar alles irgendwie anders wird, aber doch substantiell gleich bleibt. Wird wenig bis nichts von der Vision preisgegeben, bleibt die Hoffnung, aber kaum ein Weg, sie durch soziales Handeln strategisch herbeizuführen.

Ob sich ein Bewusstseinswandel einstellt, der irgendwie in die Richtung einer solchen Kritik ginge? Vor 20 Jahren hielt Kurz dies für letztlich ausgeschlossen. Aber vielleicht ist der Problemdruck durch die Klimakrise größer als damals. Oder sind jene 55%, die Elisabeth Rether nennt, etwa solche, welche tatsächlich den Kapitalismus in einem Kurzschen Sinne abschaffen wollen? Wir wissen es nicht, denn wir wissen nicht, was in jener Umfrage unter „Kapitalismus“ verstanden worden ist.

Schließlich ist die Aufgabe dann wohl auch nicht so einfach, wie Kurz vorgab, wobei er sich auch direkt widersprach:

„[S]elbst wenn alle Milliardäre Teile ihres Geldvermögens an die Armen dieser Welt abgeben müssten, käme für jeden einzelnen von einer Milliarde hungernder Menschen vielleicht nicht einmal eine Handvoll Reis heraus. Das Problem ist nicht die ‚Gerechtigkeit‘ in der herrschenden gesellschaftlichen Form, sondern eben diese Form selber.“

Kapitalismuskritik, die sich auf Umverteilung kapriziert, ist aus dieser Sicht schlicht lächerlich. Kurz hat hier teilweise eine jüngere Studie von Branko Milanovic, dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, vorweggenommen, die Leigh Philips, der hier als Kritiker der De-Growth-Bewegung auftritt, wie folgt und bezogen auf das Weltsozialprodukt von 2018 und nicht nur die von Kurz angesprochene Milliarde der Hungernden und die Milliardäre, sondern die gesamte Weltbevölkerung zusammenfasst. Was wäre das Ergebnis, wenn man den Geldreichtum von 2018 egalitär teilen würde?

“So let me repeat this for the cheap seats: an egalitarian world without any further economic growth would mean an income for everyone of $5,500. What would your life be like on $5,500?“

Wenn dem aber annäherungsweise so wäre (und es alternativlos ist, Wohlstand im Post-Kapitalismus als Geldeinkommen zu beziffern), dann fiele das einfachste Instrument der Herstellung der post-kapitalistischen Gesellschaft, das auch Kurz nennt, zumindest im globalen Maßstab aus, nämlich die Übernahme oder Besetzung aller staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen durch eine Massenbewegung.

Denn es müsste neue Produktion organisiert werden, ob dies nun zu einem globalen „Wachstum“ führen würde und müsste oder nicht. Die „Insel-Utopie“ der Meuterei auf der Bounty oder die vermeintliche Idylle im Protektorat eines Schrebergarten-Sozialismus, sich also mit minimalsten Mitteln zufrieden zu geben, lehnte auch Kurz als Pseudo-Emanzipation und Dystopie deutlich ab. Auch sie kursiert gerade.

Hier würde man dann aber gerne ansatzweise wissen, wie jene „Räte“ strukturiert wären und wie jene Produktions- und Distributionseinheiten aussähen, die von diesen irgendwie geleitet werden. Man kann sicherlich nicht alles vorwegnehmen. Aber es wäre für Liebhaber wie Kritiker des Post-Kapitalismus doch schön, grob zu wissen, worauf man sich einlassen würde (siehe auch Spekulationsblasen, Wunschträume und Täuschungsmanöver).

Ansonsten kann man die Grundidee auch schnell mit dem Witz beiseite wischen, dass man in einer vermutlich und notwendigerweise noch immer hochgradig vernetzten Produktion sicherlich nicht über die Produktion und Zuteilung jeder einzelnen Schraube wird diskutieren können.

Hier träfe man dann auf das alte Problem einer Ökonomie auf der Basis selbstbestimmter, rationaler, und solidarischer, aber auch effizienter sozialer Planung und deren Durchführung. In der „Kollaps der Modernisierung“ von 1989, einem Buch mit teilweise verblüffender Prognosetreffsicherheit in den groben Linien der Geschichte, hatte Robert Kurz gerade die Absurdität staatskommunistischer Planung und ihre lächerliche Ineffizienz schonungslos dargelegt. Vermutlich wusste er doch, dass das Problem größer ist.

Glücklicherweise sind wir 20 Jahre weiter.

Nein.

Wieder Kurz, ein echter Querkopf, von denen man heute sicherlich mehrere bräuchte, und kein Sesselfurzerfilosof:

„Bleibt die radikale Gegenbewegung aus, ist das Resultat die unaufhaltsame Entzivilisierung der Welt, wie sie jetzt schon überall sichtbar wird.“

Dieser Tage konnte man einen weiteren Vorgeschmack bei Twitter live verfolgen. Die größte Krise des Kapitalismus steht vermutlich vor der Tür.  Aus England heißt es mutmaßend: „mit dem größten Angriff auf unsere Rechte und unseren Lebensstandard.“

Daniel Plenge

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